Die Jugendjahre Davids

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"Mögen wir wie er lernen, die Gaben, in welchem Maß sie auch immer uns gegeben sein mögen, zu Gottes Ehre und Ruhm und zur Verbrei¬tung jenes wahren und einzigen Glaubens zu ge¬brauchen, der das Heil der Seele ist!" J. H. Newman
„Mögen wir wie er lernen, die Gaben, in welchem Maß sie auch immer uns gegeben sein mögen, zu Gottes Ehre und Ruhm und zur Verbreitung jenes wahren und einzigen Glaubens zu gebrauchen, der das Heil der Seele ist!“ J. H. Newman

4. Predigt vom 23. Mai 1830

„Siehe, ich sah einen Sohn Jesses aus Bethlehem, der spielen kann und stark von Kraft ist, kampf­erprobt, klug in Worten, ein schöner Mann, und der Herr ist mit ihm“ (1 Sm 16,18)

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Das ist der Bericht, den Saul über David empfing, der in mancher Hinsicht unter den Heiligen der alten Zeit der Begnadetste war. David muß zu den Begnadetsten gerechnet werden, zunächst, weil er das bedeutendste Vorbild Christi darstellt, dann, weil er der Verfasser eines großen Teiles der Psal­men ist, die von seiner Zeit an stets als die Gebets­form der Kirche gebraucht worden sind. Überdies war er ein Hauptwerkzeug der göttlichen Vor­sehung bei der Unterdrückung des Götzendienstes wie bei der Vorbereitung auf das Evangelium; und in besonderer Weise prophezeite er über den Er­löser, dessen Vorbild und Vorgänger er war. Ferner war er der erwählte König Israels, ein Mann nach dem Herzen Gottes, nicht nur persönlich gesegnet, sondern auch in seinen Nachkommen. Dazu ge­währt die inspirierte Schrift seiner Lebensgeschichte einen größeren Raum als der Geschichte irgend­eines anderen begnadeten Dieners Gottes. Schließ­lich zeigt er in seinem persönlichen Charakter ge rade jene Geistesverfassung, die seinem Volk, oder vielmehr der menschlichen Natur selbst besonders fehlt. Stolz und Unglauben entehren die Geschichte des auserwählten Volkes: die vorsätzliche Liebe zu dieser Welt, die die Sünde Balaams war, und der vermessene Trotz, der sich in Saul bekundet. David aber zeichnet sich aus durch ein liebenswürdiges, dankbares und treues Herz gegen seinen Gott und Beschützer, durch einen Eifer, der im gleichen Maße glühend und gefügig war wie der Sauls böswillig und im gleichen Maße hellsichtig und lauter war wie der Balaams selbstsüchtig und wankelmütig. So war der Sohn Jesses aus Bethlehem; er steht mitten zwischen Abraham und seinem verheißenen Samen, zwischen Juda und dem Messias, er emp­fängt die Verheißungen und gibt sie weiter; er ist ein Vorbild Christi und ein gotterleuchteter Pro­phet und lebt in der Kirche weiter bis zum Ende der Zeiten in seinem Amt, seiner Geschichte und seinen heiligen Schriften.

Einige Ausführungen über seine Jugendjahre und über seinen Charakter, wie er sich darin zeigt, kön­nen unsere Aufmerksamkeit heute nutzbringend in Anspruch nehmen.

Als Saul endgültig verworfen war, weil er die Amalekiter nicht vernichtet hatte, wurde Samuel beauftragt, nach Bethlehem zu gehen und einen der Söhne Jesses, der ihm dort nach seiner Ankunft noch bezeichnet werden sollte, zum künftigen König Israels zu salben. Samuel ging also dorthin und brachte ein Opfer dar. Da wurden nach seinem Be­fehl Jesses sieben Söhne von ihrem Vater nachein­ander vor den Propheten geführt; aber keiner von ihnen erwies sich als der Auserwählte Gottes. David war der Jüngste und abwesend. Es schien Jesse unwahrscheinlich, daß Gottes Wahl auf ihn fallen sollte, gerade wie es auch den Brüdern Josephs und dessen Vater unwahrscheinlich schien, daß er und seine Mutter und seine Brüder sich vor ihm verneigen sollten, wie seine Träume vorhersagten. Auf Samuels Frage antwortete Jesse: „Es fehlt noch der Jüngste, siehe, er hütet die Schafe“. Auf Sa­muels Geheiß ließ man ihn holen. „Er war blond“, berichtet der heilige Geschichtsschreiber weiter, „und hatte schöne Augen und eine wohlgebildete Gestalt. Und der Herr sprach: Auf, salbe ihn, denn er ist es“. Nachdem Samuel ihn gesalbt hatte, „kam der Geist des Herrn über David von diesem Tage an“. Beigefügt ist: „Aber der Geist des Herrn wich von Saul“ (1 Sm 16,11—14).

Der Salbung Davids folgte kein anderes unmittel­bares Zeichen der Huld Gottes. Er wurde dadurch geprüft, daß er trotz der Verheißung nochmals zum Hüten der Schafe zurückgesandt wurde, bis ein un­erwarteter Anlaß ihn am Hofe Sauls einführte. Die Wegnahme des göttlichen Geistes hatte bei Saul häufige Anfälle eines bösen Geistes als Strafe zur Folge. Er wurde schwermütig, und eine „Verwir­rung“, wie es heißt, kam über ihn, mit Erscheinun­gen, die jenen sehr ähnlich sind, die wir jetzt mit Geistesstörung in Verbindung bringen. Seine Die­ner dachten, daß vielleicht Musik, wie sie an den Prophetenschulen üblich war, ihn besänftigen und aufrichten könnte; und David wurde von einem die­ser Diener mit den Worten des Vorspruches dafür empfohlen: „Siehe, ich sah einen Sohn Jesses aus Bethlehem, der spielen kann und stark von Kraft ist, kampferprobt, klug in Worten, ein schöner Mann, und der Herr ist mit ihm.“

David kam in der Kraft jener heiligen Einsprechung, die von Saul beleidigt und verworfen wor­den war. Der Geist, der seine Zunge bewegte, führte auch seine Hand, und seine heiligen Lieder wurden eine Arznei für Sauls kranke Seele. „Sooft der böse Geist von Gott über Saul fiel, … nahm David die Harfe und spielte darauf; da ward es Saul leichter und besser, und der böse Geist wich von ihm“ (1 Sm l6,23). So tritt uns David zuerst in jener Eigen­schaft entgegen, deretwegen er noch gepriesen wird in der Kirche als „der Gesalbte des Gottes Jakobs und der liebliche Sänger Israels“ (2 Sm 23,1).

Saul „liebte David sehr, und dieser wurde sein Waffenträger“ (1 Sm 16,21); aber die erste Prü­fung seiner Demut und Geduld war noch nicht vor­über, als schon viele andere Prüfungen ihn erwar­teten. Nach einiger Zeit wurde er zum zweitenmal zu seinen Schafen zurückgeschickt. Obwohl damals mit den Philistern Krieg geführt wurde und seine drei ältesten Brüder im Heer Sauls dienten und er seine Stärke in der Verteidigung der Herde seines Vaters gegen wilde Tiere erprobt hatte und „stark von Kraft“ war, so blieb er doch zufrieden zu Hause als gewöhnlicher Mann und behielt die Verheißung seiner Größe für sich, bis sein Vater ihm befahl, zu seinen Brüdern zu gehen, um ihnen eine Gabe zu bringen und über ihr Befinden zu berichten. Ein Zufall, wie die Welt sagen würde, machte ihn be­rühmt. Da er beim Heer ankam, hörte er die Herausforderung des Vorkämpfers der Philister, des Goliath von Gath. Ich brauche nicht zu berich­ten, wie er von Gott getrieben wurde, mit dem Riesen zu kämpfen, wie er ihn tötete und wie er infolgedessen wieder in Sauls Gunst stieg, der ihn anscheinend schnell ganz vergessen hatte, was zu seinem gestörten Geisteszustand sehr wohl paßt.

Von dieser Zeit an begann Davids öffentliches Le­ben; aber noch erfüllte sich nicht die Verheißung, die ihm von Samuel gegeben worden war. Eine zweite und schwierigere Geduldsprobe hatte er gar manche Jahre zu ertragen, die Prüfung, „stille zu sein“ (Ps 45,11) und nichts zu unternehmen vor der von Gott festgesetzten Zeit, obgleich er (wie es schien) die Mittel in der Hand hatte, selbst die Ver­heißung zu erfüllen. Es war die gleiche Prüfung, in der später Jeroboam versagte. Auch diesem war ein Königtum verheißen, aber er war versucht, es nach seinem eigenen Belieben in Besitz zu nehmen, und so verwirkte er Gottes Schutz.

Der Sieg über Goliath machte David bei Saul so beliebt, daß er ihn nicht in sein Vaterhaus zurück­kehren lassen wollte. Auch Jonathas, Sauls Sohn, fühlte sogleich eine warme Zuneigung zu ihm, die sich zu einer treuen Freundschaft vertiefte. „Saul setzte ihn über seine Krieger und er war beliebt beim ganzen Volk, auch bei den Dienern Sauls“ (1 Sm 18,5). Jedoch war dieses Glück nicht von langer Dauer. Als Saul nach dem Sieg über seine Feinde durch die Städte zog, kamen die Frauen Is­raels ihm entgegen, sangen und tanzten und riefen: „Saul hat Tausend erschlagen, David Zehntausend“ (1 Sm 18,7). Sofort wurde der eifersüchtige König „sehr zornig und die Rede mißfiel ihm“; sein ver­drießliches Wesen zeigte sich wieder. Er fürchtete David als seinen Nebenbuhler und „von jenem Tag an und weiterhin sah er ihn mit Argwohn an“. Als am nächsten Morgen David vor ihm spielte wie zu früheren Zeiten, schleuderte Saul seinen Wurfspieß nach ihm. Hierauf entfernte ihn Saul von seiner Stellung am Hof und schickte ihn in den Krieg, in der Hoffnung, ihn durch den Tod in der Schlacht loszuwerden; aber Gottes Segen gab David sieg­reiche Heimkehr.

In einem zweiten Krieg mit den Philistern hatte David Erfolg wie zuvor. Als er vor Saul spielte, warf dieser, von finsteren und bösen Leidenschaften überwältigt, erneut den Wurfspieß nach ihm, in der Absicht, ihn zu töten. Dieser wiederholte Anschlag auf sein Leben trieb David von Sauls Hof; und einige Jahre hindurch, d.h. bis zum Tode Sauls, war er heimatlos, verfolgt in jenem Land, das nach­her sein Königreich sein sollte. Hier wie in Davids Sieg über Goliath wollte Gott uns zeigen, daß Seine Hand es war, die David auf den Thron Israels setzte. David hatte seinen Feind mit einer Schleuder und einem Stein bezwungen, damit, wie er damals sagte, alle wissen sollten, „daß der Herr nicht durch Schwert und Spieß rettet, denn der Kampf ist Sache Gottes“ (1 Sm 17,47). Jetzt offenbarte sich erneut, aber auf verschiedene Weise, Gottes führende Vor­sehung. Wie David ohne Waffen den Goliath er­schlug, so hielt er sich jetzt zurück und gebrauchte sie nicht, obwohl er sie besaß. Gleich Abraham durchzog er das Land der Verheißung „als ein fremdes Land“ (Hebr 11,9) und wartete auf die von Gott festgesetzte Zeit. Ja, um genauer zu sein, es war David sogar mehr als selbst Abraham be­schieden, jenes Glaubensleben zu führen und auf sich zu nehmen, das der Apostel beschreibt und wo­durch „die Vorfahren ein gutes Zeugnis erhielten“ (Hebr 11,2). Im Glauben irrte er umher „in Ent­behrungen, Drangsalen, Mißhandlungen, in Wüsten und Gebirgen, in Höhlen und Klüften der Erde“ (Hebr 11,38). Anderseits „unterwarf er durch den gleichen Glauben Königreiche, schaffte Recht, emp­fing Verheißungen, wurde tapfer im Streit und schlug die Heere der Fremden in die Flucht“ (Hebr 11,33).

Auf der Flucht vor Saul wandte er sich zuerst an Samuel um Rat. Bei ihm blieb er einige Zeit. Von dort vertrieb ihn Saul, und er ging in seine Vater­stadt Bethlehem, darauf nach Nobe zum Hohen­priester Abimelech. Von dort floh er, immer noch in Furcht vor Saul, zum Philisterkönig Achis in Gat; als er dort sein Leben in Gefahr sah, entkam er nach Adullam, wo sich seine Verwandtschaft ihm anschloß. Er stellte sich an die Spitze einer Frei­schar, die bei dem ungeordneten Zustand des Lan­des nützlich und rechtmäßig gegen die heidnischen Überbleibsel eingesetzt werden konnte. Hierauf wurde er nach Cheret verjagt, dann nach Kegila, das er aus der Hand der Philister befreite; dann hielt er sich in der Wüste Ziph im Gebirge auf; dann kam er in die Wüste Maon, in die Festen von Engedi und in die Wüste Paran. Einige Zeit darauf begab er sich wieder zu Achis, dem König von Gat, der ihm eine Stadt überließ; dort erhielt er die Nachricht vom Tod Sauls in der Schlacht, der den Anlaß gab zu seiner Erhebung auf den Thron von Juda, dann auf den Thron von ganz Israel, wie Gott es ihm durch Samuel verheißen hatte.

Es braucht nicht geleugnet zu werden, daß wir wäh­rend dieser Wanderjahre in Davids Verhalten Bei­spiele von Schwäche und Wankelmut und manche Dinge finden, die, ohne ausgesprochen verkehrt zu sein, dennoch an einem so begnadeten Diener Got­tes befremden und überraschen. Mit diesen beschäf­tigen wir uns nur so weit, wie wir aus ihnen eine Lehre für uns selbst ziehen können. Wir wollen uns überhaupt nicht mit ihnen befassen, soweit unser Ur­teil über Davids Charakter in Frage kommt. Denn sein Charakter ist beglaubigt und besiegelt durch das klare Wort der Schrift, durch das Lob des Allmäch­tigen Gottes, und ist daher kein Gegenstand unserer Kritik. Wenn wir an ihm Züge finden, die wir nicht völlig in Einklang bringen können mit der ihm von Gott gegebenen Anerkennung, müssen wir es gläu­big so annehmen, wie es ausgesprochen ist, und auf die künftigen Offenbarungen Dessen warten, der „Recht behält im Gericht“ (Ps 50,6). Deshalb über­gehe ich jetzt diese Frage, da ich damit beschäftigt bin, den hervorragenden Gehorsam und die man­nigfaltigen Tugenden Davids darzulegen. Im gan­zen war sein Verhalten in diesen Jahren der Prü­fung sicher das eines Zeugen Gottes, eines Mannes, der Gutes tut und dafür leidet, ja, dafür lieber lei­det als sich vom Leiden durch eine widerrechtliche Handlung zu befreien.

Wir wollen also betrachten, welches denn, soweit wir es verstehen können, seine besondere Gnade war, worin seine Gabe besteht; so wie der Glaube die hervorragende Tugend Abrahams war, Moses sich durch Sanftmut auszeichnete und wie Selbstbe­herrschung die augenfällige Gabe Josephs war.

Diese Frage kann die beste Antwort finden, wenn wir den Zweck seiner Erhebung betrachten. Als Saul ungehorsam war, sprach Samuel zu ihm: „Dein Königtum wird keinen Bestand haben; der Herr hat Sich einen Mann nach Seinem eigenen Herzen ausgesucht, und der Herr hat ihm geboten, Fürst über Sein Volk zu sein, weil du nicht gehalten hast, was der Herr dir geboten hat“ (1 Sm 13,14). Das Amt, zu dem Saul und dann David berufen wur­den, war verschieden von dem, womit andere begna­dete Männer vor ihm betraut worden waren. Seit der Zeit des Moses, da Israel eine Nation wurde, war Gott der König Israels gewesen, und Seine auserwählten Diener waren nicht Bevollmächtigte, sondern bloße Werkzeuge Seines Willens. Moses leitete die Israeliten nicht nach seiner eigenen Weis­heit, sondern er sprach so zu ihnen, wie Gott aus der Wolkensäule zu ihm sprach. Josue war ebenfalls nur ein Schwert in der Hand Gottes. Samuel war bloß Sein Diener und Dolmetscher. Gott handelte, die Israeliten aber „waren still und erkannten“ Seine Wunder, daraufhin folgten sie. Als sie aber Gott als ihren König verschmäht hatten, da war ihr oberster Herrscher nicht mehr ein bloßes Werkzeug Seiner Macht und Seines Willens, sondern es war ihm eine gewisse Gewalt anvertraut, die mehr oder weniger von übernatürlicher Führung unabhängig war; und er handelte nicht so sehr aus Gott, als für Gott und an Stelle Gottes. Als David von den Schaf­herden weggenommen wurde, „um Jakob, sein Volk, und Israel, sein Erbe, zu weiden“, da „weidete er sie“ nach den Worten des Psalms „mit einem gläu­bigen und treuen Herzen; und er führte sie mit Klugheit und mit seiner ganzen Kraft“ (Ps 78,71—73). Aus diesem Bericht über sein Amt geht hervor, daß seine allererste Pflicht bei der ihm an­vertrauten Aufgabe in der Treue zu Gott bestand. Gott hatte eine solche Macht in seine Hand gelegt, wie sie weder Moses noch Samuel besaßen. Er war mit einem bestimmten Amte beauftragt, das er nach seiner Fähigkeit so verwalten sollte, daß er so gut wie möglich die Interessen Dessen förderte, der ihn eingesetzt hatte. Saul hatte die Ehre Seines Herrn außer acht gelassen; aber David, darin ein ausge­sprochenes Vorbild Christi, „kam, um den Willen Gottes zu tun“ (Ps 39,8. 9), als Vizekönig in Israel, und da er geprüft und für treu erfunden wurde, wird er ganz besonders „ein Mann nach dem Her­zen Gottes“ genannt.

Davids besonderer Ruhm besteht also in der Treue zu der ihm anvertrauten Aufgabe, in der beharr­lichen, bedingungslosen und aufrichtigen Hingabe an die Sache Gottes und in einem brennenden Eifer für Seine Ehre.

Diese charakteristische Tugend wird besonders in den Jugendjahren seines Lebens veranschaulicht, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Er wurde damals hierin geprüft und als treu erfunden. Ehe er in die Macht eingesetzt wurde, sollte es sich erweisen, ob er auch gehorchen könne. Bis zu seiner Thronbesteigung war er wie Moses und Sa­muel ein Werkzeug in Gottes Hand, mit dem Auf­trag zu tun, was ihm geboten wurde, und nichts mehr; — erst dann, nachdem er diese Gehorsams­probe, in der Saul versagte, gut bestanden hatte, wurde ihm eine Art unumschränkte Gewalt ver­liehen, die er im Dienste seines Herrn anwenden sollte.

Beachtet, wie David geprüft wurde und welch man­nigfaltige und hohe Geisteseigenschaften er im Laufe der Prüfung offenbarte. Zuerst wurde ihm die künftige Größe verheißen, und Samuel salbte ihn. Noch blieb er bei den Schafherden; und obwohl Saul ihn eine Zeitlang von ihnen wegrief, kehrte er doch gelassen zurück, als Saul ihn aus dem Dienst entließ. Wie schwer ist es für solche Menschen, die sich im Besitz von Gaben wissen, die dem Bedürfnis der Kirche entsprechen, sich zurückzuhalten, bis Gott für ihre Betätigung einen Weg schafft! Und die Prüfung sollte bei David im Verhältnis zur Glut und Kraft seines Geistes um so schwerer sein; doch er erschlaffte nicht unter ihr. Später widerstand er ungefähr sieben Jahre der heftigen Versuchung, die ihm immer vor Augen stand, ohne Gottes Führung zu handeln, da er die Mittel zum Handeln besaß. Obwohl er in den Waffen gewandt, bei seinen Landsleuten beliebt, im Kampf gegen den Feind erfolgreich, obwohl er Schwiegersohn des Königs war und Saul ihm anderseits bitter Unrecht tat, Saul, der nicht nur unablässig nach seinem Leben trachtete, sondern ihn sogar durch die Anschul­digung des Verrates in die Rolle eines Verräters drängte, und obwohl dessen Leben mehrmals in seiner Hand war, so hielt er doch seine Ehre rein und unanfechtbar. Er fürchtete Gott und ehrte den König, und zwar in einem Lebensalter, das den Ver­suchungen des Ehrgeizes besonders ausgesetzt ist.

Zwischen der Jugendgeschichte Davids und der Jo­sephs besteht eine Ähnlichkeit. Beide in ihrer Ju­gend durch Frömmigkeit ausgezeichnet, jeweils die Jüngsten unter ihren Brüdern und verachtet von ihnen, werden sie nach langer Prüfung zu einer hohen Stellung erhoben als Diener der göttlichen Vorsehung. Joseph wurde zu einem entehrenden Ehebruch, David durch Ehrgeiz versucht. Beide wurden versucht, an ihren Herren und Wohltätern Verrat zu üben. Josephs Versuchung war kurz; aber sein Verhalten darin offenbarte eine gefestigte Tugend, die er jeden Augenblick zu Hilfe rufen konnte. Eine lange Kerkerhaft, die er mit Sanftmut und Geduld ertrug, schloß sich an als Folge seines Gehorsams; aber sie bildete keinen Teil seiner Ver­suchung, denn, einmal im Kerker, stand es nicht mehr in seiner Macht, sich daraus zu befreien. Davids Versuchung dagegen dauerte jahrelang und wurde immer heftiger, je länger je mehr. Auch hatte sein Herr keineswegs „alles, was er besaß, in seine Hand gelegt“ (Gn 39,4), er trachtete vielmehr sogar nach seinem Leben. Die andauernden günstigen Gelegen­heiten zur Rache stachelten seine Leidenschaften an; Notwehr und die göttliche Verheißung, das schienen bestechende Gründe zu sein, seinen Verstand zu blenden. Doch er meisterte sein Herz, — er war „still“; — er hielt seine Hände rein und seine Lip­pen arglos — er war durch und durch treu — und erbte zur rechten Zeit die Verheißung.

Wir wollen uns einige der Umstände seiner Standhaftigkeit ins Gedächtnis zurückrufen, wie die Ge­schichte sie berichtet.

Mit etwa dreiundzwanzig Jahren erschlug er den Philister; als er aber in der ersten Siegesbegeiste­rung über die Kriegsleute Sauls gestellt wurde, heißt es, daß er „sich klug benahm“ (1 Sm 18,5—30). Als das Glück umschlug und Saul auf ihn eifersüchtig wurde, da „benahm sich David immer noch weise auf allen seinen Wegen und der Herr war mit ihm“. Wie gleicht doch dieses Verhalten dem Josephs, nur daß die Umstände verschieden sind! „Als Saul das überaus kluge Verhalten Da­vids sah, fürchtete er ihn, aber ganz Israel und Juda liebten David.“ Und wiederum heißt es: „Und Da­vid zeigte sich weiser als alle Diener Sauls, so daß sein Name sehr gepriesen wurde.“ Hier, bei diesem wechselvollen Schicksal, wird in seiner Jugend je­ner ruhige, gelassene Gemütszustand sichtbar, den er selbst im hundertdreißigsten Psalm beschreibt: „Mein Herz, das ist nicht stolz, und meine Augen sind nicht hoch erhoben… Wie das Kind, entwöhnt, an seiner Mutter, so ruhet meine Seele still in mir.“

Die gleiche bescheidene Haltung kennzeichnet sein folgendes Betragen. Er sucht beständig Rat bei Gott. Auf der Flucht vor Saul geht er zu Samuel, nachher treffen wir ihn, wie er die Weisungen des Propheten Gad und später des Hohenpriesters Abiathar befolgt. Hier steht sein Charakter im vollen Gegensatz zu dem Sauls.

Betrachtet weiterhin sein Verhalten gegen Saul, als er ihn in seiner Gewalt hatte; es offenbart eine auffallende und bewundernswerte Verbindung von schlichtem Glauben und unbefleckter Treue.

Als Saul den David verfolgte, betrat er eine Höhle in Engedi. Dort überraschte ihn David, und seine Gefährten rieten ihm, ihn zu ergreifen, wenn nicht sogar ihm das Leben zu nehmen. Sie sagten: „Siehe, das ist der Tag, wovon der Herr zu dir gesprochen hat“ (1 Sm 24,5). David aber erhob sich und schnitt heimlich einen Zipfel von Sauls Mantel ab, um ihm zu zeigen, wie sein Leben gänzlich in seiner Gewalt gewesen war. Als er dies getan hatte, da „schlug ihm das Herz“ selbst wegen dieser geringfügigen Dreistigkeit, als ob es eine Ehrfurchtslosigkeit gegen seinen König und Vater wäre. „Er sagte zu seinen Leuten: Der Herr strafe mich, wenn ich so etwas meinem Herrn, dem Gesalbten des Herrn, antun wollte, daß ich meine Hand gegen ihn ausstreckte, denn er ist der Gesalbte des Herrn“ (1 Sm 24,7). Als Saul die Höhle verließ, folgte ihm David und rief: „Herr, mein König! Und als Saul nach ihm umschaute, neigte David sein Angesicht zur Erde und verbeugte sich.“ Er war der Hoffnung, er könne jetzt Saul von seiner Lauterkeit überzeugen. Dann rief er: „Warum hörst du auf der Leute Reden, die da sagen: David suchet Böses wider dich? Siehe, heute sehen deine Augen, daß der Herr dich in meine Hand gegeben in der Höhle; und einige rede­ten auf mich ein, dich zu töten… Noch mehr, mein Vater, siehe da und erkenne den Zipfel deines Mantels in meiner Hand. Daran, daß ich nur den Zipfel deines Mantels abschnitt und dich nicht tötete, erkennst und siehst du, daß in meiner Hand weder Böses noch Ungerechtigkeit ist, noch daß ich gesündigt wider dich; du aber stellst meinem Leben nach, daß du es wegnehmest. Der Herr sei Richter zwischen mir und zwischen dir, und der Herr räche mich an dir; aber meine Hand soll sich nicht an dich legen… Wen verfolgest du, König von Israel? Wen verfolgest du? Einen toten Hund verfolgest du, nur einen Floh. Der Herr sei Richter und sehe und richte die Sache und rette mich aus deiner Hand.“ Saul war für den Augenblick überwältigt; er antwortete: „Ist das deine Stimme, mein Sohn David? Und Saul erhob seine Stimme und weinte.“ Und er sprach: „Du bist gerechter als ich, denn du hast mir Gutes getan; ich aber habe dir Böses ver­golten.“ Er fügte noch bei: „Und siehe, jetzt weiß ich genau, daß du sicher König sein wirst.“ Ein andermal überraschte David den Saul mitten in seinem Lager, und sein Gefährte hätte ihn getötet; doch er sagte: „Töte ihn nicht, denn wer streckt die Hand nach dem Gesalbten des Herrn aus und bleibt ohne Schuld?“ (1 Sm 26,9). Als er dann neben ihm stand, dachte er voll Kummer an das kommende Schicksal seines Herrn, indes er selbst es sich ver­sagte, in Gottes Pläne einzugreifen. „Bestimmt wird der Herr ihn schlagen; oder es kommt der Tag, da er sterben muß; oder er zieht in die Schlacht und wird hinweggerafft.“ David entfernte sich wie­der aus dem Lager des Feindes. Als er sich in sicherer Entfernung befand, weckte er die Wächter Sauls und tadelte sie ob ihrer nachlässigen Wache, die einen Fremden der Person ihres Königs hatten nahekommen lassen. Saul war zum zweiten Male tief gerührt; der erbärmliche Mensch sprach, wie wenn er vom Traum erwachte, der ihn umfing: „Ich habe ge­sündigt, kehre zurück, mein Sohn David… Siehe ich habe töricht gehandelt und im Übermaß gesündigt.“ Von der Wahrheit überwältigt, fügte er noch bei: „Gesegnet seist du, mein Sohn David; du wirst große Dinge vollbringen und den Sieg erringen.“

Wie herrlich sind diese Stellen in der Geschichte des auserwählten Königs von Israel! Wie ziehen sie unser Herz zu ihm als zu einem Manne, dessen Per­sönlichkeit zu kennen ein besonderer Vorzug und eine große Freude gewesen sein muß! Ohne Zweifel flössen die Segnungen der Patriarchen in einem vereinten Strom auf „den Löwen aus dem Stamm Juda“ herab (Offb 5,5) das Vorbild des wahren künftigen Erlösers. Er ist der Erbe des bereitwil­ligen Glaubens und der Großmut Abrahams; er ist einfach wie Isaak, demütig wie Jakob; er besitzt die jugendliche Weisheit und Selbstbeherrschung, die Zartheit, die Liebenswürdigkeit und die Standhaftigkeit Josephs. Und als eigene besondere Gabe be­sitzt er überfließende Dankbarkeit, stets brennende Frömmigkeit, eifrige Treue zu Gott und eine un­erschütterlich loyale Haltung gegen seinen König, ein heroisches Ausharren in allen Lagern: Dinge, die die meisten Menschen in ihrer Größe sehen, ohne sie zu verstehen. Mögen wir, wenn es nicht ein anmaßender Wunsch ist, so glücklich sein, in schwierigen Zeiten uns so zu verhalten: heiter in­mitten banger Sorge, gefaßt in Gefahren, hochher­zig gegen Feinde, geduldig in Leid und Kummer, bescheiden im Glück! Wie mannigfaltig sind die Wege des Heiligen Geistes, wie verschiedenartig die Gnaden, die Er verleiht; welche Tiefe und Weite ist in jener sittlichen Wahrheit und Tugend enthalten, für die wir geschaffen sind! Vergleichet die Heiligen der Schrift miteinander; wie verschie­den sind sie und doch wie ähnlich! Wie ausgestattet für ihre besonderen Verhältnisse, und doch wie un­irdisch, wie fest und gelassen im Glauben und in der Furcht Gottes. Wie in der Feier des Gottesdien­stes, so ist Gott auch in den Vorbildern der Kirche all unseren Bedürfnissen, all unseren Geistesver­fassungen entgegengekommen. „Leidet jemand un­ter euch, so bete er. Ist jemand guten Mutes, so singe er Psalmen“ (Jak 5,13). Ist jemand in Freude oder in Leid, so findet er Heilige, die ihn ermutigen und führen. Da ist Abraham für die Adeligen, Job für die Reichen und Handelsleute, Moses für die Patrioten, Samuel für die Regenten, Elias für die Reformer, Joseph für jene, die zu höheren Stellen emporsteigen; Daniel für die Einsamen, Jeremias für die Verfolgten, Anna für die Niedergeschla­genen, Ruth für die Verlassenen, die Sunamitin für die Mütter, Kaleb für die Soldaten, Booz für die Bauern, Mephiboseth für die Untertanen; keiner aber ist uns geschenkt, der uns so verschiedenartige Züge seines Wesens offenbarte und durch seine Lebensgeschichte und durch seine Schriften uns so nachdrücklich und anziehend belehrte wie der, des­sen Lobrede in den Worten des Vorspruches ent­halten ist: er kann spielen und ist stark von Kraft, klug in Worten, ein schöner Mann, und der Herr ist mit ihm. Mögen wir wie er lernen, die Gaben, in welchem Maß sie auch immer uns gegeben sein mögen, zu Gottes Ehre und Ruhm und zur Verbrei­tung jenes wahren und einzigen Glaubens zu ge­brauchen, der das Heil der Seele ist!

 Newman John Henry, Pfarr- und Volkspredigten, DP III, 4, Schwabenverlag, Stuttgart 1951, 55-70.