Das christliche Amt

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25. Predigt, 14. Dezember 1834

„Ich sage euch: Unter den vom Weibe Geborenen ist kein größerer Prophet als Johannes der Täu­fer; aber der Geringste im Reiche Gottes ist größer als er“ (Lk 7, 28).

Es fügt sich gut, daß das Fest des heiligen Petrus auf den Tag Johannes des Täufers folgt, denn so werden wir, wie der Vorspruch will, ein­dringlich an die besondere Würde des christlichen Amtes erinnert, das alle früheren von Gott be­stimmten Ämter übertrifft. Der heilige Johannes war „viel mehr als ein Prophet“, an Größe erreichte er jeden Boten Gottes, der je geboren ward; aber der Geringste im Himmelreiche, der Geringste unter den Dienern Christi, ist größer als er. Und dies, sage ich, ist ein Gedanke, der besonders zum heutigen Feste paßt, denn der heilige Petrus wird in verschiedenen Teilen des Evangeliums als der eigentliche Typ und Träger des christlichen Amtes angesehen.

Wir wollen nun betrachten, worin die besondere Würde des christlichen Dieners besteht. Offenbar darin, daß er die Stelle Christi vertritt; denn weil Christus unerreichbar hoch über allen anderen Gottesboten steht, so muß auch Sein Stellvertreter unvergleichlich hoch stehen über allen Religions­dienern, die je einen Auftrag Gottes erhalten ha­ben, seien es Propheten, Priester, Gesetzgeber, Richter oder Könige. Moses, Aaron, Samuel und David waren Vorbilder des Heilandes, aber der Diener des Evangeliums ist Sein gegenwärtiger Vertreter. So wie der Typ oder die Prophezeiung der Gnade weniger ist als das Pfand oder die Mit­tel, so wie das jüdische Opfer weniger ist als das neutestamentliche Sakrament, so sind auch Moses und Elias im Amte weniger als die Stellvertreter Christi. Dies ist meines Erachtens rein durch die Feststellung der Tatsache offenbar. Es besteht nur die Frage, ob die Annahme begründet ist, daß Christus tatsächlich Stellvertreter hinterlassen hat. Die Möglichkeit aber, dies im bejahenden Sinne zu beantworten, hat uns die Heilige Schrift, wie ich im folgenden beweisen will, gegeben.

Zuallererst hat Christus, wie wir alle wissen, aus der Schar Seiner Jünger zwölf Männer ausgewählt, die Er Apostel nannte und zu Seinen Stellvertre­tern sogar schon während Seines öffentlichen Le­bens bestimmte. Und Er gab ihnen Macht, die Wun­derwerke zu vollbringen, die Er Selber wirkte. Ich sage natürlich nicht, daß Er ihnen die gleiche Macht gab (Gott bewahre!), aber Er gab ihnen einen be­stimmten und hinreichenden Anteil an Seiner Macht. „Er gab ihnen Macht und Gewalt über alle Teufel und die Krankheiten zu heilen. Und Er sandte sie aus, um das Reich Gottes zu predigen und die Kranken zu heilen“ (Lk 9,1. 2). Auch machte Er sie ausdrücklich zu Seinen Stellvertretern vor aller Welt, so daß, wer sie aufnahm, Ihn aufnahm. „Wer euch aufnimmt ,der nimmt Mich auf “ (Mt 10,40). Vor Seinem Leiden bestand ihre vorzüglichste Macht, ähnlich jener, die Er als Hauptträger aus­übte, in dem Auftrag, zu predigen und leibliche Heilungen zu wirken. Nachdem Er aber das Sühnewerk für die Sünden der Menschen am Kreuz voll­bracht und der Menschheit die Gabe des Heiligen Geistes erkauft hatte, gab Er ihnen einen höheren Auftrag; aber immer noch – man achte darauf – ähnlich jenem, den Er damals Selbst übernahm. „Wie Mich Mein Vater gesandt hat, so sende auch Ich euch. Da Er dies gesagt hatte, hauchte Er sie ah und sprach zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen; und welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten“ (Joh 20, 2123). Hier also wurden die Apostel zu Stellver­tretern Christi in der Kraft Seines Geistes zur Ver­gebung der Sünden, wie sie vorher Seine Stellver­treter waren in den Wunderheilungen und in der Verkündigung Seines Reiches.

Die folgenden Texte bieten weitere Beweise dafür, daß die Apostel beauftragt waren, die Stelle Christi einzunehmen; ebenso vermitteln sie uns ein­gehend Kenntnis über bestimmte Ämter, die in die­sen Auftrag miteingeschlossen waren. „So halte uns jedermann für Diener Christi und Ausspender der Geheimnisse Gottes“ (1 Kor 4,1). „Ihr habt mich aufgenommen wie einen Engel“ oder himmlischen Boten „Gottes, ja wie Christum Jesum“ (Gal 4,14). „Wir sind also Gesandte an Christi Statt, indem Gott gleichsam euch durch uns ermahnt; wir be­schwören euch an Christi Statt: Versöhnet euch mit Gott“ (2 Kor 5,20).

So waren also die Apostel die Stellvertreter Christi und infolgedessen durch ihr Amt hoch hinausgeho­ben über jeden gottgesandten Boten vor ihnen. Zum gleichen Schluß kommen wir, wenn wir die heiligen Schätze betrachten, die ihrer Obhut anver­traut waren. Es sind (um nicht zu reden von ihren Wunderkräften, da dies außerhalb unseres jetzigen Zweckes liegt) jene besonderen geistlichen Segnun­gen, die sich von Christus als unserem Heiland, Propheten, Priester und König herleiten.

Diese Segnungen werden in der Schrift gewöhnlich mit dem Namen „der Geist“ oder die „Gabe des Heiligen Geistes“ bezeichnet. Johannes der Täufer sagte von sich und von Christus: „Ich taufe euch zwar im Wasser zur Buße; Er aber wird euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen“ (Mt 3,11). In dieser Hinsicht ragt Christi Amt hinaus über alles, was je vor Ihm war, denn Er brachte mit demselben die Gabe des Heiligen Geistes, jene eine Gabe, die eins in sich, jedoch vielfältig, sieben­fältig in ihrer Auswirkung ist und in der alle geist­liche Segnung eingeschlossen liegt. Deshalb wurde unser Herr feierlich gesalbt mit dem Heiligen Geist Selbst und zwar zur Weihe für Sein hohepriester­liches Amt. Die Offenbarung zeigt Ihn als Empfän­ger, damit man Ihn anerkenne als Spender. So er­hielt Er den Auftrag nach des Propheten Wort, „das Evangelium zu verkünden, zu heilen, die zer­knirschten Herzens sind, zu geben das Freudenöl statt der Trauer“ (Is 61,1.). Deshalb wurden auch die Apostel auf ähnliche Weise mit derselben himmlischen Gabe für dasselbe priesterliche Amt gesalbt. „Er hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist“ (Joh 20, 22). Wie die Weihe des Meisters war, so war die Weihe der Jünger; wie Seine Ämter, so waren die Ämter, zu denen sie damit berufen wurden. Christus ist ein Prophet, da Er autoritativ den Wil­len Gottes und das Evangelium der Gnade offen­bart. Propheten waren daher auch die Apostel; „Wer euch hört, der hört Mich, und wer euch verachtet, der verachtet Mich; wer aber Mich ver­achtet, der verachtet Den, der Mich gesandt hat“ (Lk 10,16). „Wer aber nicht darauf achtet, der ver­achtet nicht einen Menschen, sondern Gott; der auch Seinen Heiligen Geist uns gegeben hat“ (1 Thess 4, 8).

Christus ist Priester, da Er Sünden vergibt und andere notwendige Gottesgaben vermittelt. Diese Macht besaßen auch die Apostel: „Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachge­lassen, und welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten“ (Joh 20, 23). „So halte uns jeder­mann … für Ausspender der Geheimnisse Gottes.“ Christus ist König, da Er die Kirche regiert. Auch die Apostel regieren sie an Seiner Statt. „Ich bereite euch das Reich, wie es Mir Mein Vater bereitet hat; daß ihr esset und trinket an Meinem Tisch, in Mei­nem Reich und auf Thronen sitzt, die zwölf Stämme Israels zu richten“ (Lk 22, 29. 30).

Keine Gabe, kein Amt, wie sie unserem Herrn als dem Christus eigneten, kann man namhaft machen, die Er nicht in entsprechendem Maße Seinen Apo­steln übertrug durch die Verleihung jenes Geistes, durch den Er Selbst wirkte; das eine natürlich aus­genommen, das Eine Große Werk, das kein ande­rer in der ganzen Welt auf sich nehmen konnte, nämlich das Sühnopfer für die ganze Menschheit zu sein. Hierin kann niemand an Seine Stelle tre­ten, und „Seine Ehre gibt Er keinem anderen“ (Is 42,8). Sein Kreuzestod ist die einzige Verdienst­ursache, die einzige Quelle geistlicher Segnung für unser sündiges Geschlecht; jedoch sind jene Ämter und Gaben, die diesem Versöhnungsopfer entströ­men, wie: predigen, lehren, versöhnen, lossprechen, strafen, Gnaden vermitteln, leiten, anordnen, alle eingeschlossen in dem Apostolischen Auftrag, der in Seiner Abwesenheit die Rolle der Vermittlung und Stellvertretung hat. „Wie Mein Vater Mich gesandt hat, so sende Ich euch.“ Seine Gaben beschränken sich nicht auf Ihn allein. „Das ganze Haus ist erfüllt vom Duft der Salbe“ (Joh 12,3).

Bei den Aposteln sei dies zugegeben. Es könnte jedoch einer sich zur Frage bewogen fühlen, ob dieses dreifache Amt auch auf die christlichen Die­ner nach ihnen übergegangen sei. Ich sage, ihr drei­faches Amt, denn wenige werden leugnen, daß ein Teil ihres Auftrages auch heute noch unter uns vor­handen ist. Der Auffassung, daß es im kirchlichen Dienst keine gottgewollten Vorgesetzten gäbe, be­gegnet man nicht oft, und daher bedarf sie keiner Zurückweisung. Aber sehr häufig pflegen die Men­schen nur das zu glauben, was man sehen und ver­stehen kann, und, weil sie zwar Zeugen des äuße­ren Vorganges und der sichtbaren Wirkung des Unterrichts und der Leitung sind, nicht aber des sogenannten „Versöhnungsdienstes“, pflegen sie die Diener Christi nur anzuerkennen als die Vertreter Seines prophetischen und königlichen Amtes, nicht aber Seiner priesterlichen Vollmacht. Ich nehme also deren Anspruch auf das Erbe der zwei Gewal­ten Seiner Salbung als bewiesen an und beschränke mich auf die Frage, ob sie die dritte Gewalt be­sitzen; nicht freilich, um sie zu beweisen, sondern eher, um jene Voreingenommenheiten und Schwie­rigkeiten wegzuräumen, die den Geist gern zu Vor­urteilen verleiten.

Unter einem Priester im christlichen Sinne versteht man einen berufenen Vermittler, durch den die be­sonderen Segnungen des Evangeliums der Mensch­heit zugeführt werden, einen, der die Macht hat den einzelnen jene Gaben zuzuleiten, die Christus uns allen als die Frucht Seiner Vermittlung ver­sprochen hat. Diese Macht wohnte auch den Apo­steln inne. Ich habe nun zu zeigen, daß auch deren Nachfolger sie in gleicher Weise innehaben.

1. Einmal will ich gerne zugestehen, daß zwischen den Aposteln und den anderen christlichen Dienern eine scharfe Trennungslinie besteht; ja, ich möchte behaupten, daß diese so klar gezogen ist, daß man die Ähnlichkeitspunkte mit den Punkten, worin sie sich von ihren Brüdern unterscheiden, unmöglich verwechseln kann. Die Apostel waren nicht nur Diener Christi, sondern vor allem Miterbauer Sei­ner Kirche; und ihre Gaben und Ämter waren hin­sichtlich dieses Teiles ihres Auftrages nur vorüber­gehend und außerordentlich und endeten mit ihnen. Sie waren die Organe der Offenbarung, die inspi­rierten Lehrer, in gewisser Hinsicht unfehlbar, aus­gerüstet mit der Sprachengabe, Wundertäter; und nur sie allein sind das. Die Dauer einer Gabe hängt ab von der Not, der sie abhelfen muß; was seinen Zweck erfüllt hat, kommt zu Ende, was jedoch noch notwendig ist, wird gnädig weitergewährt. Das we­nigstens scheint die Regel der gütigen Vorsehung zu sein. Daher kommt es, daß das christliche Amt immer noch das Lehramt einschließt, denn die Er­ziehung ist für jeden Menschen, der in die Welt kommt, notwendig; ebenso das Amt der Leitung, denn „Anstand und Ordnung“ [1] sind für die Ruhe und Einheit der christlichen Gemeinde immer noch erforderlich. Und aus dem gleichen Grunde ist na­turgemäß auf den ersten Blick schon anzunehmen, daß das Amt der Vermittlung der Gnade ebenfalls weiterbestehen muß, da ja stets noch Schuld ist, die weggewaschen werden muß, noch Sünder sind, die versöhnt werden müssen, noch Gläubige sind, die gestärkt, weitergebildet und getröstet werden müssen. Was für eine Berechtigung haben wir auf Grund der natürlichen Sachlage, einen Unterschied zu machen zwischen dem Lehramt und dem Amt der Versöhnung? Wenn uns das eine noch anver­traut ist, warum nicht auch das andere? Und man kann beobachten, daß die einzig wirkliche Schwierigkeit, die sich von vornherein der Lehre vom christlichen Priestertum entgegenstellt und ihr anhaftet, durch die Schrift selbst widerlegt ist. Man könnte denken, die Macht, Sünden zu vergeben oder zu behalten, sei zu groß, um einem sündigen Menschen über seine Mitmenschen gegeben zu wer­den; tatsächlich aber wurde sie den Aposteln ohne Einschränkung anvertraut, obwohl sie in ihren son­stigen Handlungen nicht unfehlbar waren. „Wel­chen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen; und welchen ihr sie behalten wer­det, denen sind sie behalten.“ Das Geschenk war in seiner ganzen Form ohne Bedingung gegeben und ihrem christlichen Ermessen anheimgestellt. Was aber einmal gegeben worden ist, darf beibe­halten werden. Ich glaube, daß diese Feststellung im gegenwärtigen Fall von Gewicht ist, wo schon das Wesen der beanspruchten Gabe der einzig be­achtenswerte Grund sein könnte, der gegen die Tatsache ihrer Verleihung spräche.

2. Dies alles jedoch ist eine Betrachtungsweise, die sich schon von vornherein ergibt. Tatsächlich hat unser Herr die Frage entschieden, da Er erklärte, daß Er durch die Mittlerschaft Seiner Apostel bei der Kirche bis zum Ende der Welt gegenwärtig sein würde. Er verhieß das anläßlich Seines feierlichen Abschiedes von ihnen; Er gab diese Erklä­rung, als Er ihnen den Auftrag erteilte, die Men­schen zu bekehren, zu taufen und zu lehren. Wir können genausogut an der uns auferlegten Pflicht, zu predigen, die Menschen zu bekehren und für den Himmel vorzubereiten zweifeln, wie an der Tat­sache, daß Seine apostolische Gegenwart für diese Aufgaben uns begleitet. Seine Worte zeigen also schon auf den ersten Blick, daß die Fülle der Ga­ben, die Seinen ersten Dienern gewährt wurde, darin enthalten ist. Es ist keine kärgliche Gabe, im Gegenteil, die Verheißung ist so weitgehend, daß wir schon nach Gründen suchen müssen, die uns zu dem Gedanken berechtigen, daß die Nachfolger der Apostel in irgendeiner Hinsicht weniger begün­stigt sind als die Apostel selber. Wir wissen, daß sich solche Gründe finden lassen und uns zu der Unterscheidung Anlaß geben zwischen den außer­ordentlichen und den ordentlichen Gaben, zu einer Unterscheidung, die die Folgezeit rechtfertigt. Was aber nun veranlaßt uns in der Heiligen Schrift oder in der Kirchengeschichte dazu, den Auftrag zur Ver­söhnung unter die außergewöhnlichen Gaben zu rechnen?

3. Weiter ist bemerkenswert, daß diese Unterschei­dung zwischen ordentlichen und außerordentlichen Gaben sich wirklich in der Heiligen Schrift selbst findet und daß unter den außerordentlichen die priesterliche Gewalt nicht erwähnt ist. Niemand kann daran zweifeln, daß die formelle Einführung der Apostel in ihr hohes und einzigartiges Amt, die Kirche Christi aufzuerbauen, am Pfingsttag stattfand. Sie waren „weise Baumeister nach der Gnade, die ihnen gegeben war“ (1 Kor 3,10); und diese Gnade war eine außerordentliche. Jedoch ist unter diesen Gnadengaben, „Sprachen und Gesich­ten, Prophezeiungen und Wundern“ (1 Kor 12,10) ihre priesterliche Gewalt nicht aufgezählt. Im Ge­genteil, diese Gewalt wurde ihnen nach dem bereits erwähnten Text schon vorher mitgeteilt, als Chri­stus sie anhauchte und ihnen durch den Heiligen Geist die Vollmacht gab, Sünden nachzulassen und zu behalten[2]. Ferner möchte ich euch daran erin­nern, daß dies sicherlich der wohlbedachte Gesichts­punkt unserer Kirche zu dieser Frage ist: denn bei der Weihe legt sie ausdrücklich dem Bischof die gleichen Worte in den Mund, die unser Heiland den Aposteln gegenüber gebrauchte: „Empfanget den Heiligen Geist“; „Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen; und welchen ihr die Sünden behalten werdet, denen sind sie behalten.“ Es wäre unsäglich profan, solche Worte von Mensch zu Mensch zu sprechen, außer auf klaren, göttlichen Auftrag hin.

4. Weiter, kennt das Evangelium nicht auch Sakra­mente? Und haben Sakramente nicht etwas Prie­sterliches, da sie Unterpfand und Mittel der Gnade sind? Ist dem aber so, dann engt sich die Frage, ob es ein christliches Priestertum gibt, ohne weiteres auf die einfache Frage ein, ob es nicht wahrschein­lich ist, daß ein so kostbarer Auftrag wie die Ver­mittlung der Gnade nicht durch die göttliche Vor­sehung der Obhut bestimmter Hüter anvertraut sei. Die Meinungen von heute gipfeln in der Anschau­ung, daß zur Rechtfertigung nichts weiter nötig sei als der Glaube an Gottes verheißene Barm­herzigkeit. Hingegen geht es aus der Heiligen Schrift sicher hervor, daß die Gnade der Vergebung dem einzelnen nur durch bestimmte Riten verliehen wird. Christus hat etwas zwischen Sich und die Seele gestellt; und wenn es mit der Freiheit des Evan­geliums nicht unverträglich ist, daß ein Sakrament dazwischenstehe, dann liegt auch von vornherein keine Ungereimtheit darin, daß es einen Verwahrer gibt, um ihm zu dienen. Außerdem führt gerade der Umstand, daß von Anfang an ein dauerndes Amt vorhanden war, zu dem Schluß, daß dieses Amt für die Verwaltung der Sakramente vorge­sehen war; so legen die bestehenden Tatsachen eine Deutung der denkwürdigen Worte unseres Herrn nahe, die Er sprach, als Er dem heiligen Petrus die „Schlüssel des Himmelreiches“ anvertraute.

Ich möchte, daß die Wahrheit dieser Schriftstelle aufmerksam bedacht werde; nämlich, daß die Sa­kramente die Kanäle der spezifisch christlichen Vor­rechte sind und nicht nur „Siegel“ des Bundes (wie viele meinen und wie es auch der Ritus der Firmung tatsächlich ist). Zwar könnte jemand einwerfen, daß der heilige Paulus im Römerbrief nichts von Ka­nälen oder Werkzeugen erwähnt, daß der Glaube als das einzige Mittel zur Rechtfertigung hingestellt ist. Aber zur Beantwortung möchte ich ihn auf die Rede des gleichen Apostels vor Festus und Agrippa verweisen, wo er schildert, wie Christus bei seiner wunderbaren Bekehrung zu ihm sagte: „Steh auf und stelle dich auf deine Füße; denn erschienen bin Ich dir dazu, dich zu bestellen zum Diener und zum Zeugen“ (Apg 26,16). Da möchte es nun scheinen, daß Er ihn hinsandte, um das Evangelium zu pre­digen, ohne die Vermittlung einer Bestallung oder eines Dieners der Kirche. Hätten wir nur diesen Bericht von seiner Bekehrung, wer hätte nicht an­genommen, daß er, der „ihre Augen öffnen sollte, damit sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht“ (Apg 26,18), sogleich Verzeihung und Recht­fertigung gefunden hätte auf Grund seines Glau­bens, ohne Ritus und Zeremonie? Aber aus einem anderen Teil der Apostelgeschichte erfahren wir, was hier weggelassen ist, nämlich, daß eine beson­dere Offenbarung an Ananias ergangen war, damit Saulus nicht ohne Taufe bliebe, und daß er, weit entfernt davon, auf den bloßen Glauben hin als­bald gerechtfertigt zu werden, geheißen wurde, nicht zu zögern, sonder „aufzustehen und sich tau­fen zu lassen und die Sünden abzuwaschen, nachdem er den Namen des Herrn angerufen“ (Apg 22, 16)[3]. So gefährlich ist der Versuch, etwas zu leug­nen auf Grund von Stellen der Heiligen Schrift, die aus dem Zusammenhang gerissen sind. Hier haben wir also am Beispiel des heiligen Pau­lus selbst einen klaren Beweis dafür, daß zwischen der Seele und Gott auch unter dem Evangelium priesterliche Vermittlung steht; daß es trotz der un­schätzbaren Segnungen, die Christus unserem Ge­schlecht erworben hat, stets notwendig ist, diese den einzelnen durch sichtbare Hilfsmittel zuzuwenden. Ist aber dem so, dann muß ich bekennen, daß es mir wenigstens von vornherein wahrscheinlicher vorkommt, daß diese Dienste einen geeigneten Die­ner haben sollten, als nicht. Doch auch hier sind wir nicht auf bloße Vermutungen angewiesen, wie ich im folgenden zeigen werde.

5. Ihr wißt wohl, daß die Segnungen der Versöh­nung in der Heiligen Schrift häufig unter dem Bild der geistlichen Nahrung, des Brotes vom Himmel, des Wassers, das nie versiegt, dargestellt und in mehr sakraler Sprache als der Empfang des Leibes und Blutes des göttlichen Opfers bezeichnet werden. Eben diese besondere christliche Gabe aber ist dort verknüpft mit einem äußeren Ritus einerseits und mit gewissen dafür bestimmten Ausspendern ander­seits. So führt uns also gerade der Zusammenhang der Schrifttexte vom Begriff eines priesterlichen Dienstes zu dem einer Priesterschaft. „Wer ist jener treue und kluge Verwalter“, sagt Christus, „den der Herr über Sein Gesinde setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit den angemessenen Unterhalt reiche. Selig jener Knecht, den der Herr, wenn Er kommt, also tun findet“ (Lk 12, 42. 43). Aus dieser Stelle entnehme ich: einmal, unter dem Evangelium gibt es besondere Ausspender der geist­lichen Nahrung der Christen, mit anderen Worten (wenn das Wort „Nahrung“ von der Parallelstelle her im sechsten Kapitel bei Johannes erklärt wer­den darf), Ausspender der unsichtbaren Gnade, d. h. Priester; sodann, sie sollen der Kirche in jedem Zeitalter bis zum Ende verbleiben, da es heißt: „Selig ist der, den der Herr, wenn Er kommt, also tun findet“; weiter, der hier erwähnte Diener ist auch der „Vorsteher Seines Gesindes“, wie es bei den Aposteln war, und verbindet das Hirtenamt mit dem Priesteramt; und endlich bietet das Wort „Verwalter“, das im Text zufällig als der Titel erscheint, den Paulus den Aposteln beilegt, einen weiteren Grund zu der Vermutung, daß auch an­dere ähnliche Titel, wie z. B. „Gesandter Christi“, die auf die Apostel angewandt werden, in einem wahren und begründeten Sinn auch ihren Nach­folgern zustehen.

6. Diese Darlegungen zugunsten der Existenz eines christlichen Priestertums finden ihre Bestätigung in der Beobachtung, daß das Amt der Fürbitte, das stets, wenn nicht eine Besonderheit, so doch ein charakteristischer Zug des Priestertums ist, in der Heiligen Schrift als eine Art von Vorzugsdienst des Evangeliums bezeichnet wird. So sagt z. B. Isaias über die christlichen Zeiten folgendes: „Auf deine Mauern, Jerusalem, habe Ich Wächter bestellt, den ganzen Tag, die ganze Nacht nicht, nimmer sollen sie schweigen. Ihr, die ihr den Herrn erinnern sollt, schweiget nicht und lasset Ihm keine Ruhe, bis Er Jerusalem wiederhergestellt und zum Ruhm ge­macht hat auf Erden“ (Is 62, 6. 7). In der Apostel­geschichte finden wir Christi Diener mit diesem heiligen Dienst ganz im Sinne der Weissagung be­schäftigt. „Es waren aber in der Kirche zu Antiochia Propheten und Lehrer, wie Barnabas und Simon, genannt Niger, Lucius von Cyrene, Manahen, der mit Herodes, dem Vierfürsten, erzogen war, und Saulus. Als sie nun dem Herrn den heiligen Dienst verrichteten und fasteten“ (Apg 13,1. 2), sonderte der Heilige Geist diese beiden ab für Sein Werk. Dieser „Dienst“, der dem Herrn unter Fasten ge­leistet wurde, war sicher ein feierlicher Fürbitt­gottesdienst. Das stimmt überein mit einer Stelle aus dem Jakobusbrief, die den Ältesten der Kirche das gleiche priesterliche Vorrecht zu verleihen scheint. „Ist jemand krank unter euch? Er rufe die Priester der Kirche zu sich, und die sollen über ihn beten, (nicht einfach mit ihm beten) und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn; und das Gebet des Glaubens (nicht nur das Öl) wird dem Kranken zum Heile sein, und der Herr wird ihn aufrichten“ (Jak 5,14.15). Ähnlich spricht der heilige Paulus von Epaphras, „unserem geliebtesten Mitdiener, wel­cher für euch“, d. h. für die Kolosser, an die er schreibt, „ein treuer Diener Jesu Christi ist“. Und sofort schildert er, worin der Dienst des Epaphras für sie besteht: „Immer eifrig für euch im Gebete, daß ihr vollkommen bleibet und jeglichen Willen Gottes erfüllet“ (Kol 1, 7; 4,12).

7. Abschließend wollen wir uns den Beispielen des heiligen Petrus und Johannes des Täufers zuwen­den. Sie mögen uns als die Typen der von Gott bestimmten Diener vor und nach der Ankunft Sei­nes Sohnes das Amt des gewöhnlichen christlichen Dieners erläutern helfen. Selbst der niedrigste unter ihnen ist „größer als Johannes“. Was hat ihm denn eigentlich gefehlt? War es die Kenntnis der Lehre des Evangeliums? Gewiß nicht; keine Worte über den Neuen Bund können klarer sein als die sei­nigen. „Siehe, das Lamm Gottes; das hinwegnimmt die Sünde der Welt“ (Joh 1, 29). „Wer von oben kommt, ist über alle … denn der, welchen Gott gesandt, redet Worte Gottes, denn Gott gibt den Geist nicht nach dem Maße. Der Vater liebt den Sohn und hat alles in Seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben, wer aber dem Sohne nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm“ (Joh 3, 3136). Es fehlte also dem Täufer nichts an der Fülle der Lehre. Was ihm aber fehlte, das war (wie er selbst sagt) die Taufe mit dem Geist, die ihm einen Auftrag von Christus, dem Heiland, gebracht hätte, und zwar mit all Seinen mannig­faltigen Gaben, den gewöhnlichen und außerge­wöhnlichen, den Gaben des Hirtenamtes und des Priestertums. Johannes stand uns Dienern des Evangeliums nicht nach in der Erkenntnis, sondern in der Machtfülle.

Wenn anderseits, wie ich klarlegte, das Amt und der Dienst des heiligen Petrus sich hinsichtlich sei­ner gewöhnlichen Verrichtungen fortsetzt in seinen Nachfolgern, dann sind wir gehalten, die Seg­nungen unseres Herrn, die in erster Linie ihm zu­geeignet waren, so zu verstehen, daß sie auch auf den letzten von uns, Seinen Dienern, die den „Glauben bewahren“ (2 Tim 4, 7), entsprechend herabkommen, da ja Petrus nur der Vertreter und Typus für sie alle ist. „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern Mein Vater, der im Himmel ist. Und Ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will Ich Meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Und dir will Ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was immer du binden wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden sein; und was immer du lösen wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16,1719). Welch erhabenes und herrliches Versprechen! Kann es sein, daß sich dies alles in Petrus erschöpft hat, wie groß auch immer dieser hohe Apostel sein mag? Ist es einzig und allein deshalb dem „unsterblichen Evangelium“ einverleibt, damit es Zeuge sei nur für einen, der schon längst dahin ist? Ist es die Art des inspirier­ten Wortes, einzelne zu erheben? Wehrt sich nicht die Überfülle des Segens selbst gegen eine solch gei­zige Anwendung? Fließt sie nicht über trotz unser, bis unser Unglaube besiegt ist durch die Güte Des­sen, der sie aussprach? Sind es, kurz gesagt, nicht eigentlich nur die Vorurteile unserer Erziehung, die so viele aus uns daran hindern, sie in jener Fülle der Gnade zu empfangen, in der sie ausge­gossen wurde?

Ich sage unsere Vorurteile – denn sie, fürwahr, sind die Ursache unserer Inkonsequenz im Glau­ben; bedienen wir uns doch tatsächlich einer Art der Schriftauslegung, die uns wohl ein Stück vor­wärtsträgt, aber vor der ganzen Enthüllung des Ratschlusses Gottes haltmacht und uns entweder nichts oder weitaus mehr besagen müßte. Wenn die Verheißungen Christi an Seine Apostel sich nicht auf immer in der Kirche erfüllen, warum sollten dann die Segnungen, die aus den Sakramenten fließen, sich auf die Periode nach der Erstzeit er­strecken? Warum sollte das Herrenmahl heute noch der Empfang Seines Leibes und Blutes sein? Warum sollte die Taufe geistliche Gnaden austeilen? Warum sollte die Heilige Schrift in irgend­einem Teile eine bleibende Lehre vermitteln? Warum sollte der Weg zum Leben immer noch eng sein? Warum sollte die Last des Kreuzes für einen jeden Jünger Christi notwendig sein? Warum sollte uns der Geist der Kindschaft immer noch ver­heißen sein? Warum sollte es heute noch eine Pflicht sein, sich von der Welt zu trennen? Es ist fürwahr für die Menschen ein Glück, daß sie inkonsequent sind; denn so behalten sie wenigstens noch einen Teil des christlichen Glaubens bei, wenn sie ihn auch teilweise verlieren. Das ist der Fall in un­gestörten Zeiten und bei Menschen reiferen Alters, deren Herz lange schon in religiösen Fragen zu einer gewissen Überzeugung gekommen ist. Käme aber eine Kampfzeit, dann werden solche Inkonse­quenzen zu einer bedeutsamen Gefahr für den gro­ßen Teil der Christen, die sich noch auf keine ent­schlossene Überzeugung stützen können. Es ist sicher, daß Inkonsequenz im Glauben die Aufmerk­samkeit des Verstandes auf sich lenkt, es sei denn, die Gewohnheit habe das Herz beruhigt. Deshalb bedeutet in einem Vernunftzeitalter wie dem unsrigen eine religiöse Erziehung, die so viel Ungereimt­heit mit sich bringt, für den ungebildeten Christen eine hohe Gefahr. Denn er wird seinen herkömm­lichen Glauben eher dadurch ordnen, daß er den Anteil an Wahrheit, den er enthält, aufgibt, als daß er dazulernt, was ihm fehlt. Daher das be­klagenswerte Bild, dem man so oft begegnet, daß Menschen, die den Auftrag an die Apostel leugnen, weitergehen und auch die Eucharistie von einem Sakrament zu einem reinen Erinnerungsritus herab­würdigen; oder die Taufe zu einer reinen Form­sache erklären, oder zu einem Zeichen des Bekenntnisses, das zu verehren kindisch oder töricht sei. Verständlich, denn wer die Überzeugung, daß be­stimmte Personen Vermittler der Gnade sein kön­nen, für Aberglauben hält, der ist nur folgerichtig, wenn er einzelnen Heilsmitteln ihre Kraft ab­spricht. Aber man bleibt nicht dabei stehen; denn der Taufe die Gnade absprechen, heißt weiter­gehen und die Erbschuld leugnen, zu deren Heilung diese Gnade gegeben ist. Leugnen sie aber die Erb­sünde, dann schwächen sie notwendig auch die Lehre von der Versöhnung ab und bahnen so den Weg zur Leugnung der Gottheit unseres Herrn. Leugnet man ferner die Kraft der Sakramente auf Grund ihres geheimnisvollen Charakters, erwartet man vom Text der Heiligen Schrift den denkbar vollständigsten Beweis und schlägt man das Glück gering an, „nicht zu sehen und doch zu glauben“ (Joh 20, 29), dann widersetzt man sich auch natur­gemäß der Lehre der Dreifaltigkeit, da sie (nach ihrer Ansicht) die Einfachheit des Evangeliums hemme und verdunkle und nur auf indirektem Weg aus den vorhandenen inspirierten Urkunden abge­leitet werden könne. Und hat man dann zuletzt auf diese Art die göttlichen Heilsmittel für die Sünde und hat man das dem Sünder notwendige Heilsver­fahren ihrer Feierlichkeit und Ehrwürdigkeit be­raubt, indem man den ganzen Heilsplan auf die gleiche Stufe der Verständlichkeit und Alltäglich­keit wie die Heilung eines Unfalls bei menschlichen Handlungen gestellt hat, indem man ferner den Glauben seiner Geheimnisse entkleidet, die Sakra­mente ihrer Kraft, das Priestertum seiner Sen­dung, dann ist es nicht zu verwundern, daß man die Sünde sehr bald als etwas Geringfügiges ansieht, den moralischen Übelstand als eine reine Unvollkommenheit und den Menschen als in keine große Gefahr und Verderbnis verstrickt und seine Pflich­ten als etwas nicht sehr Beschwerliches oder Be­unruhigendes. Mit einem Wort: die Religion als solche verschwindet allmählich ganz aus dem Geist, und an ihre Stelle setzt man lediglich eine kühle, weltliche Moral, eine anständige Haltung gegen­über den Ansprüchen der Gesellschaft, die Pflege der Liebenswürdigkeit, die Vornehmheit und Ge­wandtheit im äußeren Benehmen. Dabei nimmt man an, daß darin der volle Pflichtenkreis dessen bestehe, der in Sünde gezeugt ist, ein Kind des Zor­nes und ein Erlöster durch das kostbare Blut des Sohnes Gottes ist, ein Wiedergeborener und ein durch den Geist aus der unsichtbaren Kraft der Sakramente Getragener, der auf dem Weg der Selbstverleugnung und Heiligung des inwendigen Menschen berufen ist zum Leben in der Ewigen Gegenwart des Vaters, des Sohnes und des Hei­ligen Geistes.

Das ist der Weg und die Folge des Unglaubens, obwohl er seinen Anfang hat in dem, was die Welt Kleinigkeiten nennt. Hütet euch daher, meine Brü­der, einen Weg zu beschreiten, der zum Tode führt. Scheuet euch davor, die Lehre der Schrift über die Diener Christi in Frage zu stellen, damit nicht der­selbe verkehrte Geist euch dazu verführe, ihre Lehre über Christus und Seinen Vater in Frage zu stellen. „Kindlein, es ist die letzte Stunde: und wie ihr gehört habt, wird der Antichrist kommen; ja schon jetzt sind viele Antichristen geworden … sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns“ (1 Jo 2,18.19). „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16). Kommt einer zu euch und kommt er mit Spott über die Macht der Diener Christi, dann fraget ihn, was er von den Sakramen­ten hält, oder von der Heiligsten Dreifaltigkeit; beseht euch genau seinen Glauben an die Versöh­nung oder an die Erbsünde. Versichert euch, ob er sich in diesen Punkten an die Lehre der Kirche hält. Achtet darauf, ob er nicht doch wenigstens versucht, der Frage aus dem Wege zu gehen, und Ausflüchte macht oder gesteht, daß er sich hierüber überhaupt keine Meinung gebildet habe. Schauet auf diese Dinge, damit ihr wisset, wohin man euch führen will. Laßt euch nicht blindlings eures Glaubens be­rauben. Was ihr tut, macht es mit klarer Erkenntnis der Folgen. Und wenn die Begründungen, die er gegen euch zu Felde führt, darauf abzielen, zu be­weisen, daß eure derzeitige Meinungsrichtung zu einem gewissen Grad folgewidrig sei, und wenn sie euch zwingen, in der Heiligen Schrift mehr zu sehen als ihr jetzt seht oder auch weniger, dann fürchtet euch nicht, eher etwas hinzuzufügen als etwas da­von abzustreichen. Seid versichert, daß ihr nie, auch wenn ihr noch so weit geht, mit Gottes Gnade da­hin kommen werdet, eine Erkenntnis zu gewinnen, die über das hinausgeht, was auch die ersten Chri­sten erkannten; daß ihr euch, je mehr ihr euren Glauben ausweitet, um so mehr der apostolischen Vollkommenheit nähern werdet und gleich weit entfernt seid von den Extremen sowohl der Ver­messenheit wie des Unglaubens, indem ihr euch weder in Dinge hineinwagt, die noch nicht sichtbar sind, noch anderseits leugnet, was ihr noch nicht sehen könnt.


[1] Ein Ausdruck des Prayer-Book. – A.d.Ü.

[2] Die folgende Stelle bietet eine Bestärkung der obigen Beweisfüh­rung und führt sie hin zur Lehre der Apostolischen Nachfolge: – Der allererste Akt der Apostel, nachdem Christus ihrem Blick ent­schwunden war, war die Einsetzung des Matthias an die Stelle des Verräters Judas. Diese Einsetzung wird bis ins kleinste geschildert. Jeder Teil daran ist äußerst lehrreich. Ich will jedoch für jetzt die Aufmerksamkeit auf einen besonderen Umstand hinlenken; nämlich auf den Zeitpunkt, da sie geschah. Sie war geplant (wenn ich so sagen darf) genau für die sehr kurze Zwischenzeit, die zwischen dem Weggang unseres Herrn und der Ankunft des Trösters an Seiner Stelle lag: für jene „kleine Weile“, in der die Kirche beinahe verwaist in der Welt stand. Damals war es, daß der heilige Petrus sich erhob und mit Autorität erklärte, es sei an der Zeit, die Lücke auszufüllen, die durch Judas entstanden sei. „Es muß einer aufgestellt werden“, sagte er, und ohne Verzug schritten sie zur Einsetzung. Es versteht sich, daß der heilige Petrus von unserem Herrn für diesen Schritt eigens beauftragt gewesen sein muß. Sonst wäre es sehr natürlich gewesen, eine Handlung von solcher Be­deutung auf die Herabkunft des unfehlbaren Lenkers, des Heiligen Geistes, aufzuschieben, die sie für die nächsten Tage erwarteten. Da die Apostel in erster Linie die Apostel unseres fleischgewordenen Herrn waren, da ihr ganzes Dasein als Apostel vollständig von ihrer persönlichen Sendung durch Ihn abhing (was auch der Grund ist, weshalb in mehreren heiligen Büchern mit so viel Sorgfalt Namenlisten von ihnen erwähnt werden), wäre anderseits in dieser Hinsicht naturgemäß zu erwarten gewesen, daß Christus Selbst vor Seinem Weggang diese Lücke durch persönliche Bestimmung aus­gefüllt hätte. Aber wir wissen, daß dies nicht Sein Wille war. Haben die Apostel diese Bestallung nachher bälder durchgeführt, als man hätte erwarten sollen, so hatte Er sie weiter hinausgeschoben. Es scheint wohl, daß hier wie dort die Absicht obwaltete, diesen Vor­gang auf die 10 Tage zu verlegen, während welcher (wie ge­sagt) die Kirche verwaist war, verwaist, damit sie ihren Glauben und ihre Hoffnung betätigen könne, so wie die Christen auch heute verwaist sind, insofern sie keine wunderbare Hilfe oder besondere Erleuchtung von oben erfahren. Damals, in diesem Zeitpunkt des Neuen Testamentes, in dem die Gläubigen in einer Lage waren, die sehr viel Ähnlichkeit hat mit der Zeit, da die Wunder und die Erleuchtung aufhörten: gerade zu dieser Zeit war es der Wille unseres Herrn, daß ein neuer Apostel geweiht werden sollte, mit dem gleichen Umfang der Autorität und des Auftrages wie vordem. Mit einem Wort, es war Sein Wille, daß die elf Jün­ger allein, nicht Er persönlich, den Nachfolger des Judas ernennen sollten: und daß sie den rechten Mann erwählt hatten, hat Christus Selber sehr bald darauf bezeugt, indem Er dem Matthias Seinen Heiligen Geist in der gleichen Fülle wie dem heiligen Johannes und dem heiligen Jakobus oder dem heiligen Petrus sandte (Tracts for the Times vol 2. n. 52)

[3] Siehe auch Apg 13,2.3.