Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum in der Kirche

Eingetragen bei: Predigten | 0

15. Predigt am 17. Mai 1835

„Das Himmelreich ist gleich einem Netz, das ins Meer geworfen wird und allerlei Fische fängt. Wenn es angefüllt ist, zieht man es ans Ufer, setzt sich nieder und sammelt die guten in Gefäße, die schlechten aber wirft man hinaus“ (Mt 13, 47. 48).

In der Apostolischen Zeit lag der Hauptkampf zwischen Wahrheit und Irrtum in dem Streit, den die Kirche gegen die Welt und die Welt gegen die Kirche führte — die Kirche, der Angrei­fer im Namen des Herrn; die Welt auf Seiten des Teufels, angestachelt von Neid und Bosheit, Wut und Stolz, geistliche Waffen mit irdischen, das Evangelium mit Verfolgung, Gutes mit Bösem zu­rückschlagend. Aber von der Auseinandersetzung innerhalb der Kirche, wie sie sich heute abspielt, wußten die Christen damals verhältnismäßig we­nig. Es ist wahr, der prophetische Geist kündete ihnen, dass „aus ihnen selbst Männer aufstehen, die Verkehrtes reden, um die Jünger zu sich weg­zuziehen“ (Apg 20, 30); dass „in den letzten Tagen gefährliche Zeiten kommen werden“ (2 Tim 3,1). Auch hatten sie die Erfahrung ihrer eigenen und der früheren Zeiten, die ihnen wie im Vorbild zeig­ten, dass in der Kirche sich immer Böses mit Gutem vermischen wird. So waren bei der Sintflut acht Seelen in der Arche, und eine von ihnen war ver­worfen; unter den zwölf Aposteln war einer ein Teufel; von den sieben Diakonen fiel einer (wie man sagt) in Häresie; von den zwölf Stämmen wird einer bei der endgültigen Besiegelung ausgeschie­den. Diese durch Beispiel oder Prophezeiung gege­benen Hinweise reichten indessen nicht aus, um ihnen im voraus die ernste und schreckliche Wahr­heit vor Augen zu stellen, die im Vorspruch verbor­gen ist, nämlich — dass der Streit, den Christus zwischen Seiner kleinen Herde und der Welt be­gann, nach nicht langer Zeit auf die Kirche selbst übertragen und von den Gliedern dieser Kirche gegeneinander geführt werden sollte.

Das sahen, meine ich, die ersten Christen nicht so erfüllt, wie unser Auge es schaut; aber es ist so schwer, sich in Wahrheit davon zu überzeugen, dass selbst heute, wo es sichtbar daliegt, die Men­schen es nicht sehen. Sie wollen ihren Geist der göttlichen Wahrheit nicht so erschließen und über­lassen, dass sie zugäben, die heilige Kirche habe un­heilige Glieder, die Segnungen kämen Unwürdigen zu, „das Himmelreich sei gleich einem Netz, das allerlei Fische fängt“. Sie gehen dieser geheimnis­vollen Anordnung auf verschiedene Art aus dem Weg. Manchmal leugnen sie, dass es wirklich schlechte Menschen in der Kirche Gottes gibt; nach ihrer Meinung besteht sie nur aus Guten. Sie haben eine unsichtbare Kirche ersonnen, die jetzt bereits abgesondert und vollendet und nur mit Heiligen bevölkert ist, — gerade als ob die Schrift irgendwo ein Wort sagte über eine geistige Gemeinschaft, die in dieser Welt getrennt und unabhängig von der sichtbaren Kirche existierte. Sie sehen die sicht­bare Kirche nur als einen Teil dieser Welt an, als Staatseinrichtung, Sekte oder Partei, oder wenn sie auch die Kirche als eine göttliche Einrichtung an­erkennen, so erniedrigen sie doch die Norm ihres Glaubens und ihrer Heiligkeit, erniedrigen ihre Gnadenvorrechte; oder da sie die Gemeinschaft der Heiligen als bloßen Namen und alle Christen als ungefähr gleich betrachten, zerstören sie wirksam alle Vorstellungen, sei es von einer Kirche, sei es von einem Kampf. So weisen sie es in der einen oder anderen Art zurück, die im Vorspruch enthal­tene Idee zuzugeben, dass die Unähnlichkeit, die Feindschaft und der Streit, die einst zwischen der Welt und der Kirche bestanden, jetzt auf die Kirche selbst übertragen sind.

Wir dagegen wollen mit Gottes Segen versuchen, in den festen Besitz dieser Wahrheit zu kommen, und sehen, ob wir eine Lehre daraus ziehen können. Unser Vorspruch sagt: „Das Himmelreich“, d. h. die christliche Kirche, „ist gleich einem Netz, das ins Meer geworfen wird und allerlei Fische fängt“. Anderswo sagt der heilige Paulus: „In einem großen Hause gibt es nicht bloß goldene und sil­berne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene; die einen dienen einem edlen Zwecke, die anderen einem niedrigen“ (2 Tim 2, 20). Schriftstellen wie diese lassen sehr verschiedene Anwendungen zu. Ich will sie hier betrachten im Hinblick auf den Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum in der Kirche.

Ohne Zweifel würde es für das Auge der natür­lichen Vernunft einen Vorzug bedeuten, wären die Feinde Christi und unserer Seelen von uns ge­trennt und fände die Erprobung unseres Glaubens in einigen allgemeinen Fragen statt, die kein Fehl­gehen zulassen; das aber trifft „nach der Weisheit Gottes“ nicht zu (1 Kor 1, 21). Glaube und Un­glaube, Demut und Stolz, Liebe und Selbstsucht sind seit den Tagen der Apostel in ein und der­selben Gemeinschaft vereinigt gewesen; und kein Mittel menschlicher Erfindung kann das eine vom anderen lösen. Alle, die innerhalb der Kirche sind, haben die gleichen Vorrechte; sie alle sind getauft, alle sind zur heiligen Eucharistie zugelassen, alle sind in der Wahrheit unterrichtet, alle bekennen die Wahrheit. Zu allen Zeiten hat es freilich solche gegeben, die eine verderbte Lehre bekannt oder offen dem Laster gefrönt haben und die man in­folgedessen leicht entdecken und meiden konnte. Aber deren sind wenige; die Mehrzahl in der christ­lichen Kirche bekennt ein und denselben Glauben und sie scheinen alle miteinander übereinzustim­men. Dennoch geht unter diesen augenscheinlich so einmütigen Leuten der wirkliche, uralte Kampf zwischen gut und bös wie von Anfang an weiter. Einige davon sind weise, andere töricht. Welche zu der einen oder zu der anderen Partei gehören, ist uns verborgen und wird uns verborgen sein bis zum Tag des Gerichtes; auch sind die einzelnen in dieser Zeit nicht als vollendete Muster von gut oder bös geformt; sie unterscheiden sich nur nach dem Maß und in der Weise, wie sie zum einen oder anderen stehen. Gewiß ist aber, dass es in der Kirche zwei Parteien gibt, wie verschwommen und unbestimmt ihre Grenzen auch sein mögen, zwei Parteien unter denen, die in einem gewissen Sinn wie vertraute Freunde leben, will sagen, die dieselbe geistliche Speise essen und dasselbe Credo bekennen.

Aber worüber streiten sie? Wie und wo geht ihr Kampf vor sich? Die Apostel kämpften für die Wahrheit des Evangeliums gegen Ungläubige; ihre unmittelbaren Nachfolger kämpften, obgleich inner­halb der Kirche, doch immerhin gegen offene Irr­lehren, denen sie begegnen, die sie zurückweisen und ausschließen konnten; aber in späteren Zeiten, in unseren eigenen Tagen, in diesem Augenblick, worüber streiten die beiden verborgenen Parteien in der Kirche, die Auserwählten und die Heuchler, worüber streiten sie?

Es ist schwierig, diese Frage geziemend zu beant­worten, mit der Ehrfurcht, die man diesem heiligen Ort schuldet, wo die Sprache der Welt nicht an un­ser Ohr dringen sollte. Doch in einer so bedeuten­den Sache möchte ich einiges vorbringen. Dieser Kampf, der zuerst um die Wahrheit des Evange­liums selbst ging, dann um die Wahrheit der Lehre, geht jetzt gewöhnlich um die sehr kleinen Dinge des Alltags, der öffentlichen Angelegenheiten oder der Vorgänge in der Familie oder der Interessen der Pfarrgemeinde, lauter Dinge, die in Gottes unfehl­barem Urteil genau so wahr unseren religiösen Zu­stand bezeugen wie größere Dinge; und die genau so mächtig dazu beitragen, uns für Himmel oder Hölle zu formen und zu bilden.

Ich meine, wie die alten Christen verpflichtet wa­ren, „ernsthaft für den ein für allemal den Heiligen überlieferten Glauben einzustehen“ (Jud 3), so liegt unsere Gehorsamsprobe gewöhnlich darin, diesen oder jenen Standpunkt in einer Vielheit von Fragen einzunehmen, in denen es zufällig zwei Seiten gibt und die sich uns fast beständig aufdrän­gen. Bevor ich zu erklären versuche, was ich sagen will, möchte ich darauf hinweisen, wie parallel der Stand dieser Dinge zu der Absicht Gottes ist, uns in anderer Weise zu erproben und zu erziehen

Wie zeigt sich z. B. unsere Hingabe an Christus? Gewöhnlich nicht in großen Dingen, nicht darin, dass wir Haus und Acker um Seinetwillen verlas­sen, sondern dass wir kleine Opfer bringen, die die Welt bespötteln würde, wüßte sie von ihnen, dass wir uns um der Armen willen gewisser Behaglich­keiten berauben, dass wir unsere privaten Wünsche religiösen Zielen opfern, dass wir trotz persönlicher Unannehmlichkeit zur Kirche gehen, dass wir an der Gesellschaft religiöser Menschen Gefallen ha­ben, obwohl sie weder reich noch vornehm, noch gebildet noch begabt noch umgänglich sind; in Din­gen, die an sich alle nur ganz geringe Bedeutung haben.

Worin zeigt sich Selbstverleugnung? Nicht darin, dass man buchstäblich das Kreuz Christi trägt oder von Heuschrecken und wildem Honig lebt, sondern in derart kleinen Enthaltungen, wie sie uns ent­gegentreten, in einigen armseligen Versuchen zu fasten und dergleichen, in dem Wunsch, lieber arm als reich zu sein, lieber einsam und niedrig zu sein als gute Beziehungen zu haben, in der Überein­stimmung von Lebensführung und Einkommen, in der Vermeidung von Aufwand, in der Zurückhal­tung gegenüber Behaglichkeit und Luxus; alle diese Dinge sind zu geringfügig, als dass jemand, der sie übt, darüber nachdenken sollte, sie haben aber doch ihren Vorteil in der Erprobung und Besserung des Herzens.

Worin zeigt sich die christliche Tapferkeit? Nicht im Widerstand bis aufs Blut, sondern darin, dass man sich falscher Gutmütigkeit widersetzt, Unbil­den geduldig erträgt, nicht davor zurückschreckt, jene, die wir lieben, vor Überraschungen zu stel­len und ihnen wehzutun, dass man lieber Nachteile, Unannehmlichkeiten, Tadel und Geringschätzung in Kauf nimmt als zu verraten, was wir für gött­liche Wahrheit halten, mag es sich um ein noch so kleines Stück handeln.

Wie also die Hingabe, die Selbstverleugnung und Tapferkeit des Christen heutzutage in kleinen Din­gen erprobt werden, so auch der Glaube des Chri­sten. In den Tagen der Apostel zeigte sich der Glaube in etwas Großem, nämlich im Anschluß ent­weder an die Kirche oder an die Menge der Heiden oder Juden. Heute zeigt er sich darin, dass man sich auf diese oder jene Seite stellt in den vielen Fra­gen der Lehre und des Lebens, die uns begegnen, seien sie nun häuslicher oder kirchlicher oder politi­scher oder sonstiger Art.

Denken wir an den ungebildetsten Landarbeiter im unscheinbarsten Dorf; seine Prüfung besteht in einem Handeln für oder gegen die Kirche an sei­nem eigenen Ort. Er mag zufällig mit anderen bei der Arbeit oder beim Imbiß sein; und hierbei mag er Gespräche hören gegen die Religion oder die Kirche oder den König; er mag hören, wie sich Stimmen erheben in Spott und Geschrei; da muß er nun gegen Gelächter und Witz, gegen schlechtes Gerede und Grobheiten auftreten und für Christus Zeugnis ablegen. So trägt er zu seiner Zeit den ewigen Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum weiter.

Ein anderer, der einer höheren Gesellschaftsklasse angehört, hat einen gewissen Einfluß in den An­gelegenheiten der Pfarrgemeinde, in der Vertei­lung der Liebesgaben, in der Bestellung der Beam­ten und dergleichen; auch er muß gleichsam unter den Augen Gottes für die Wahrheit eintreten, wie Christus es von ihm verlangt.

Wieder einer verfügt über eine gewisse politische Gewalt; er hat eine Stimme abzugeben oder Unter­gebene zu beraten; er hat etwas zu sagen und Ver­mögen beizusteuern. Er soll zugunsten der Religion handeln, nicht als ob es keinen Gott in der Welt gäbe.

Meine Brüder, ich darf es nicht wagen, einen Be­reich christlicher Pflicht mit Schweigen zu über­gehen, in dem heute die Menschen besonders erprobt werden und in dem sie besonders versagen. Bisweilen wird behauptet, Religion habe mit der sogenannten Politik nichts zu tun. Es gibt nun das Wort „Politik“ in einem schlechten Sinn, Religion jedoch ist nichts Schlechtes. Nun aber hat das Wort auch einen guten Sinn, und wer sagt, dass in diesem Sinn die Religion nicht politisch sei, der spricht genau so irrig und vergeht sich (wissentlich oder unwissentlich) mit seiner Zunge gewiß ebenso, wie wenn zur Zeit des heiligen Paulus jemand gesagt hätte, es mache nichts aus, ob er ein Christ oder Heide sei; denn was die Frage, ob Christ oder Nichtchrist, in den Tagen des Apostels bedeutete, das bedeuten heutzutage die Fragen politischer Art. Es ist jetzt in den zahlreichen Dingen sozialer Na­tur, die uns begegnen, genau so richtig, sich für das eine zu entscheiden, und genau so falsch, sich für das andere zu entscheiden, wie es in den Tagen des heiligen Paulus richtig war, Christ zu werden, und falsch, ein Heide zu bleiben.

Ich sage damit nicht, welche Seite die richtige und welche die falsche ist in dem stets wechselnden Be­reich der sozialen Pflicht, noch weniger behaupte ich, dass alle religiösen Leute auf der einen und alle unreligiösen auf der andern Seite seien (denn dann wäre jene Scheidung zwischen gut und bös gegeben, die nach der Versicherung des Vorspruches und anderer Gleichnisse bis zum Tag des Gerichtes nicht vorhanden ist). Ich sage nur: es gibt eine richtige und eine falsche Seite, es ist nicht gleichgültig, auf welche Seite man sich stellt, im Jenseits wird man danach gerichtet, wo man steht.

Wenn z. B. jemand sagt, er sei gegen den König oder gegen die Kirche, weil er königliche Macht oder Staatskirchen für schriftwidrig hält, dann ist er nach meiner Meinung so weit entfernt von der Wahrheit wie das Licht von der Finsternis; aber ich kann ihn verstehen. Er stellt sich auf religiösen Boden, und was immer ich auch von seiner Lehre denken mag, dafür lobe ich ihn. Ich hätte es lieber, er stellte sich in Aufrichtigkeit gegen die Kirche aus religiöser Überzeugung, als er wäre für sie von einem weltlich selbstsüchtigen Standpunkt aus; frei­lich nur dann, wenn es im Ernst getan ist und nicht nur zum Schein, berechtigt diese Haltung nach mei­nem Bedünken zu größerer Hoffnung für seine Seele. Ich hätte es lieber, ein Volk würde die Kirche dem Erdboden gleichmachen, wirklich, aufrichtig und ernst, und dabei glauben, Gott damit einen Dienst zu tun (so furchtbar allerdings diese Sünde wäre), als dass ein Volk sie stützen würde aus dem bloßen Grund, Hab und Gut zu erhalten

; denn ich halte dies für eine viel größere Sünde. Ich glaube, dass die Anbeter des Mammon vor dem Richter­stuhl Christi schlechter bestehen werden als die irrenden Eiferer. Wenn jemand das eine oder an­dere sein müßte (obwohl er keines von beiden sein sollte), aber wenn ich für jemand wählen müßte, dann würde ich es vorziehen, er wäre ein Saulus, der wie ein wildes Tier gegen die Kirche wütete, als ein Gallio, der sich um keines dieser Dinge kümmerte, oder ein Demas, der die gegenwärtigen Welt liebte, oder ein Simon, der mit heiligen Ga­ben schacherte, oder ein Ananias, der Christus sein Vermögen vorenthielt und so billig als möglich gerettet werden wollte. Für die Bekehrung jenes einen zur Wahrheit bestünde mehr Aussicht; und wenn er sich nicht bekehrte, so wartete seiner am Jüngsten Tag doch eine geringere Strafe. Unser Herr spricht zur Kirche von Laodicea: „O dass du kalt wärest oder warm. Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde Ich dich ausspeien aus Meinem Mund!“ (Offb 3,15.16).

Im allgemeinen handeln indes die Menschen aus vermischten Beweggründen; ich will nun nicht sagen, dass sie sofort in einer schrecklichen Gefahr schweben oder so schlecht sind wie fanatische Revo­lutionäre, darum weil sie Rücksicht nehmen auf die Sicherung von Hab und Gut, während sie gleich­zeitig die sogenannte Staatskirche verteidigen; — keineswegs, obwohl ich es immer noch für besser hielte, wenn der Gedanke an die Religion alle anderen Überlegungen gefangen nähme. Aber ich spreche gegen die heute offen bekundete Anschau­ung, dass Religion nichts mit Politik zu tun habe. Das ist nicht wahr, solange es wahr ist, dass Gott die Welt regiert; denn wenn Gott in menschlichen An­gelegenheiten herrscht, so müssen Seine Diener Ihm darin gehorchen. Und was wir heutzutage mehr als alles andere zu fürchten haben ist die Tatsache, dass Leute, die in diesem Punkt rechtlich denken und glauben, dass die Interessen des Volkes nach reli­giösen Grundsätzen gelenkt werden sollten, doch davor zurückschreckten, es offen zu bekennen, und sich ohne Widerspruch mit denen verbündeten, die das leugnen. Bei solchen besteht die Gefahr, dass sie ihre eigene Meinung verbergen und in der Art des Gallio, Demas, Simon und Ananias nach rein weltlichen Rücksichten handeln, Hab und Gut verteidigen, unsere rein als weltlich angesehenen Einrichtungen sichern und unsere nationale Größe aufrechterhalten. Sie vergessen dabei, dass so, wie niemand zwei Herren dienen kann, Gott und dem Mammon, auch niemand zugleich im Rate der Die­ner der beiden sitzen kann; — sie vergessen, dass die Kirche, in der sie und andere sind, ein Netz ist, das allerlei Fische fängt; dass sich daraus nicht er­gibt, dass man anderen in allen Dingen zu willen sein und Unterstützung gewähren soll, nur weil sie zufällig in ihr sind und Liebe zu ihr heucheln. Wir dürfen natürlich nicht zusammenwirken mit jenen, die offen die Vorschriften der Kirche verletzen, mit Häretikern, Trunkenbolden, öffentlichen Sündern und dergleichen, die natürlich aus ihr gestoßen wer­den sollten; obwohl wir verpflichtet sind, im all­gemeinen mit allen Gemeinschaft zu pflegen, so sind wir doch nicht verpflichtet, alle in all ihrem Tun zu unterstützen, dagegen immer verpflichtet, schlech­ten Grundsätzen entgegenzutreten, — verpflichtet, den Versuch zu machen, die Norm des Glaubens und des Gehorsams in jener Menge der Menschen zu heben, denen wir das Leben des Heiligen Gei­stes nicht ganz absprechen dürfen, auch wenn wir sie in vieler Hinsicht mißbilligen; auch dürfen wir nicht dulden, dass ein Freund oder Fremder gegen die Wahrheit Stellung nimmt, ohne von uns je nach Gelegenheit davor gewarnt zu sein.

Schließlich hat in der Kirche dieses Miteinander des Wahren und Falschen, von dem ich gesprochen habe, in ihrer leitenden Schicht wie unter dem ge­wöhnlichen Volk immer bestanden. Unser Heiland verkündet uns diese Wahrheit in dem dreiundzwanzigsten Kapitel des Matthäusevangeliums. Darin befiehlt er Seinen Hörern, ihren geistlichen Hirten in allem Erlaubten zu gehorchen, auch wenn sie ihres Amtes unwürdig sind, deshalb weil sie es inne haben, — zu gehorchen nämlich „dem Herrn und nicht den Menschen“. „Auf dem Stuhle des Moses sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer; darum haltet und tuet alles, was sie euch sagen; nach ihren Werken aber sollt ihr nicht tun; denn sie sagen es zwar, tun es aber nicht.“ Und einer, der auch nur wenig in der Geschichte der christlichen Kirche liest, muß wahrnehmen, dass in allen von Christus ge­botenen Formen des Gehorsams und der Unterord­nung, der verschiedenen Ämter und des zwischen­menschlichen Verhältnisses, ein geheimer Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum in den heiligsten Gemächern des Tempels ausgefochten wird. Er wird gerecht, friedfertig und liebevoll ausgefochten von den einen, lieblos von den andern, bisweilen mit einer seltsamen Mischung von richtigen Grund­sätzen und mangelnder Geduld, oder mit Aufrich­tigkeit und teil weiser Unwissenheit, im ganzen je­doch ist es ein Kampf wie der des heiligen Johannes gegen Diotrephes, des heiligen Paulus gegen Ana­nias, den Hohenpriester, des Timotheus gegen Hymenäus und Alexander. Mittlerweile sind die Vorschriften der Kirchenzucht wie die Glaubens­bekenntnisse, die den Anlaß zum Streit gegeben hatten, auf beiden Seiten eingehalten worden; trotz­dem hat der Streit seinen Fortgang genommen.

Jeder nun, der das Gesagte hört, soll es sich als eine bedeutsame Wahrheit zum Bewußtsein bringen, — die bedeutsame Wahrheit, dass es nichts Gleichgül­tiges in unserem Leben gibt, dass kein Teil davon ohne seine Pflichten ist und kein Raum für Tändelei besteht, auf dass wir nicht mit der Ewigkeit tändeln. Es ist sehr üblich, unsere politischen und sozialen Vorrechte als Rechte zu bezeichnen, mit denen wir tun können, was wir wollen; dagegen legen sie uns in Gottes Augen nur Pflichten auf. Da sagt einer: „Ich habe das Recht, dies oder jenes zu tun; ich habe ein Recht, meine Stimme da oder dort abzugeben; ich habe ein Recht, diese oder jene Maßnahme zu begünstigen.“ Ohne Zweifel, du hast ein Recht — du hast das Recht des freien Willens — du hast von Geburt das Geburtsrecht, ein freihandelndes Wesen zu sein, Recht oder Unrecht zu tun, dich zu retten oder zu verderben; du hast das Recht, d. h. du hast die Macht — (um es klar zu sagen) die Macht, dich zu verdammen; aber (ach!) es wird für dich ein armseliger Trost in der nächsten Welt sein, zu wis­sen, dass dein Untergang ganz deine eigene Schuld war, da du selbst ihn über dich gebracht hast — denn was du gesagt hast, kommt gerade auf dieses hinaus. Sei ganz sicher, man verliert seine Seele nicht durch irgendeine einzige außerordentliche Tat, sondern durch eine Reihe von Taten; und die Nachlässigkeit, oder vielmehr der selbstgenügsame und hochmütige Gebrauch deiner politischen Macht, dieser oder jener nach freiem Ermessen beschrittene Weg, der jetzt so alltäglich ist, findet sich unter den Handlungen, durch die man seine Seele rettet oder verliert. Der Jüngling, von dem Salomon spricht, glaubte, er habe ein Recht, seinen Lüsten zu frönen, oder wie der reiche Tor im Evangelium, „auszu­ruhen, zu essen, zu trinken und es sich Wohlsein zu lassen“ (Lk 12,19); aber der Prediger sagt zu ihm: „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und laß dein Herz guter Dinge sein in den Tagen deiner Jugend und folge den Neigungen deines Herzens und dem, was deine Augen begehren; aber wisse, dass dich Gott über all das vor Gericht führen wird“ (Prd 11, 9).

So sagt auch manch einer, wenn er gewarnt wird vor der Sünde, aus der Kirche auszutreten oder von einer Kirchengemeinschaft zur anderen abzuwan­dern, „dieses Recht stehe ihm zu“. Wahrhaftig, er hat eine seltsame Vorstellung davon, dass es das Recht eines Engländers ist, in religiösen Dingen zu denken und zu tun, was er will. Ja, es ist das Recht der ganzen Welt, nicht das unsrige allein; es ist das Merkmal aller Vernunftwesen, ein Recht zu haben, falsch zu handeln, wenn sie so wollen. Und doch gibt es schließlich nur einen rechten Weg, dagegen hundert falsche. Du kannst tun, was du willst; aber der erste, der dieses Recht ausübte, war der Teufel, als er fiel; und wer von uns in den Beziehungen zwischen sich und seinem Gott dies oder jenes tut, nur weil er es will, und nicht, um seinem Gewissen zu entsprechen, der folgt (soweit) dem Beispiel des Teufels.

Wir wollen diese eitlen Einbildungen beiseite tun und unverwandt auf unsere Lage blicken. Jeder von uns, die wir hier versammelt sind, ist entweder ein Gefäß der Barmherzigkeit oder ein Gefäß des Zornes, reif zum Untergang; oder er wird es viel­mehr, möchte ich sagen, am Jüngsten Tage sein und jetzt handelt er auf das eine oder andere hin. Wir können einander nicht beurteilen, wir können uns selbst nicht beurteilen. Wir wissen nur über uns, ob wir in einem gewissen Ausmaß versuchen, Gott zu dienen; wir wissen, dass Er uns geliebt und „mit allem geistlichen Segen in Christo gesegnet hat“ (Eph 1, 3), und unsere Rettung wünscht. Wir wis­sen von anderen aus unserer Umgebung, dass auch sie vom gleichen Heiland gesegnet sind und als unsere Brüder angesehen werden müssen, solange sie nicht durch Wort oder Tat ihre Bruderschaft auf­kündigen. Und doch ist es wahr, dass der schauer­erregende Vorgang der Trennung zwischen Bösen und Guten fortwährend stattfindet. Das Netz ent­hält gegenwärtig allerlei Fische. Am Ende der Welt wird die endgültige Scheidung kommen; mittler­weile geht daraufhin ein allmähliches Ausscheiden und Sieben still, aber sicher vor sich. Es ist auch wahr, dass alles, was im Lauf des Lebens uns be­gegnet, Prüfung unseres Glaubens und Werk­zeug unserer Reinigung ist. Es ist ebenso wahr, dass gewisse Grundsätze und Handlungen recht und andere falsch sind. Es ist außerdem wahr, dass un­sere Aufgabe darin liegt herauszufinden, was recht ist, es zu beobachten und darum zu ringen. Und wenn wir auch über den Zustand unserer Brüder nicht richten, noch auch überernst sein sollen in kleinen Dingen, so ist es doch unsere Pflicht, offen gegen andere zu zeugen, wenn wir glauben, dass sie im Unrecht sind, und sie durch unser ganzes Auf­treten mit unserem Ernst zu durchdringen; damit wir nicht die Sünde bei ihnen dulden und so an ihr mitschuldig werden.

Wenn all dies wahr ist, möge Gott Selbst, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, uns befähigen, herz­haft danach zu handeln! Möge Er uns jene Aufrich­tigkeit und Einfachheit des Geistes geben, die die Dinge ansieht, wie Er sie betrachtet, die sich vor Augen hält, was unsichtbar ist, die alle Schatten und alles Dunkel des Stolzes, der Parteilichkeit oder der Habsucht ablegt; und die nicht nur weiß und tut, was recht ist, sondern es tut, weil sie es weiß, und das nicht aus bloßer Vernunft und aus Beweis gründen, sondern aus ganzem Herzen, mit jenem reinen, inneren Sinn, jener gewissenhaften Furcht, jenem tapferen Glauben und jener hochherzigen Hingabe, die keiner Beweise bedarf, es sei denn, um sich zu stärken und andere überzeugend zu­friedenzustellen.

 Newman John Henry, Pfarr- und Volkspredigten, DP III, 15, Schwabenverlag, Stuttgart 1951, 226-241.