„Mein geliebtes Littlemore“

Am 4. November 2025 ist Sr. Brigitte Maria Högemann FSO (1943-2025), getragen vom Gebet ihrer Mitschwestern und Mitbrüder, im Kloster Thalbach in Bregenz verstorben. Mit ihr ist eine der besten Newman-Kenner der geistlichen Familie „Das Werk“ und eine glühende Verehrerin des berühmten englischen Kirchenlehrers zum Herrn heimgegangen.
Sr. Brigitte wurde am 10. September 1943 in Freiburg im Breisgau geboren. Ihre Kinder- und Jugendjahre verbrachte sie in ihrer Heimatstadt. Im Rahmen eines Schüleraustauschs lebte sie ein Jahr in Florida, das ihr immer in guter Erinnerung blieb. Nach dem Abitur studierte sie in Bonn und Freiburg Germanistik und Anglistik, später auch Philosophie. Nach einem Semester in Cambridge (Girton College) folgte sie ihrem Philosophieprofessor nach Braunschweig und wurde dort seine wissenschaftliche Assistentin. Im Jahr 1978 wurde sie mit einer Arbeit über die Philosophie Kants promoviert. In diesen Jahren des Studiums erwarb sie sich eine umfassende Bildung in deutscher und englischer Literatur, aber auch in Philosophie, Geschichte und Kunst.
Der Weg zur Habilitation und zu einer akademischen Laufbahn stand ihr offen. Aber sie folgte dem Ruf Gottes, verzichtete auf eine weltliche Karriere und trat 1982 in die geistliche Familie „Das Werk“ ein. Nach dem Noviziat unterrichtete sie an berufsbildenden höheren Schulen Religion. 1985 wurde sie nach Rom gesandt, wo sie am Päpstlichen Institut Regina Mundi als Bibliothekarin und Tutorin tätig war. Durch ihre Mitarbeit im Internationalen Zentrum der Newman-Freunde lernte sie den großen englischen Heiligen kennen und lieben. Die innige Verbundenheit mit Newman prägte ihr ganzes weiteres Leben.
1986 zog Sr. Brigitte im Auftrag des „Werkes“ nach Littlemore bei Oxford, um den Ort der Konversion Newmans („The College“) mit Leben zu erfüllen und eine neue Niederlassung des „Werkes“ aufzubauen. Sie setzte ihre vielen Begabungen ein, um das den Oratorianern gehörende College zu einem Ort zu machen, an dem interessierte Menschen Newman tiefer kennenlernen können. Newmans Schlaf- und Arbeitszimmer, die Kapelle und die Bibliothek wurden renoviert. Die einzelnen Cottages im College wurden im Laufe der Jahre so eingerichtet, dass sie nun Besuchern für Einkehr- oder Studientage zur Verfügung stehen. Die große Bilder- und Memorabilien-Sammlung und die Newman-Spezialbibliothek, die vor allem auf Sr. Brigittes Einsatz zurückgehen, ermöglichen heute den Besuchern einen direkten Zugang zu Newman. Sr. Brigitte führte unzählige Menschen im College, hielt Vorträge über Newmans Leben und Denken und pflegte den Kontakt mit vielen Newman-Forschern auf internationaler Ebene. Für Frauen und Männer – Priester, Gottgeweihte und Laien und auch für Kinder – wurde sie Stütze im Glauben und geistliche Begleiterin. Sie war bei den Gläubigen in Littlemore wegen ihrer Güte und Freundlichkeit sehr beliebt, half in vielfältiger Weise in der katholischen Pfarrei mit und pflegte gute Beziehungen zu anglikanischen Christen.

Mehrere Jahre verbrachte sie einzelne Semester in Rom und hielt an der Päpstlichen Universität Urbaniana Vorlesungen über John Henry Newman, vor allem über seine bahnbrechenden Einsichten bezüglich des Zusammenhangs von Glauben und Vernunft. Viele Studenten sprechen noch heute über die Vorlesungen von Sr. Brigitte, die sie ins Herz getroffen und ihnen einen echten Zugang zu Newman eröffnet haben. Den Wappenspruch von Kardinal Newman dürfen wir auch auf ihr Wirken anwenden. „Cor ad cor loquitur“: Sr. Brigitte sprach begeistert, weil sie vom geöffneten Herzen des Herrn ergriffen war. Sie berührte die Herzen der Menschen, weil sie ihnen als geistliche Mutter begegnete. Sie vertraute ihre Studenten dem Herzen Jesu an und half ihnen in vielfältiger Weise, auch bei der Abfassung von Dissertationen.
Ein kleines, aber nicht unbedeutendes Detail: Sr. Brigitte entdeckte in Rom in einer Abstellkammer des Pontificio Collegio Urbano den Altar, auf dem Newman als katholischer Priester im ursprünglichen Kolleg der Propaganda Fide unweit der Piazza die Spagna seine Primiz gefeiert hatte. Ausgehend von Fotos konnte sie ihn identifizieren. Jetzt steht dieser Altar in der zum Zeitpunkt der Seligsprechung 2010 eröffneten Newman-Kapelle im Dikasterium für die Evangelisierung der Völker im Palazzo di Propaganda Fide.
Im Jahr 2003 kehrte Sr. Brigitte von Littlemore nach Bregenz zurück, wo sie verschiedene Aufgaben im Archiv übernahm, ein „Museum“ über die Geschichte des Klosters Thalbach einrichtete und bei der Aufarbeitung des Nachlasses von Kardinal Leo Scheffzcyk mitwirkte. Ihre tiefe Verbundenheit mit Christus und ihre Liebe zu Newman waren auch inmitten ihrer starken Altersdemenz deutlich spürbar. Sie strahlte Güte, Liebe und Gottverbundenheit aus. Als zwei Mitbrüder sie einige Monate vor ihrem Sterben besuchten und von einem schönen Aufenthalt in Littlemore berichteten, sagte sie spontan: „Mein geliebtes Littlemore!“ Möge der Herr, ihr göttlicher Bräutigam, sie vollenden und in seine Herrlichkeit aufnehmen und ihr einen Platz im Himmel in der Nähe des heiligen Kirchenlehrers John Henry Newman schenken.
Sr. Birgit Dechant FSO, Littlemore P. Hermann Geißler FSO, Rom