Der gute Teil Mariens

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22. Predigt

 Der gute Teil Marias

 “Martha, Martha! Du machst dir Sorge und bekümmerst dich um sehr viele Dinge;
Eines nur ist notwendig. Maria hat den besseren Teil erwählt,
der ihr nicht wird genommen werden“ (Lk 10,41.42).

Jedes Wort Christi ist gut; es hat seine Sendung und seinen Zweck, und fällt nicht nutzlos zu Boden. Unmöglich könnte es jemals vergängliche Worte sprechen. Er, der Selbst das Wort Gottes ist und nach Seinem Wohlgefallen die tiefen Ratschlüsse und den heiligen Willen Dessen kundtut, der unsichtbar ist. Jedes Wort Christi ist gut; und stammte der Bericht seiner Aussprüche, den wir besitzen, selbst von gewöhnlichen Menschen, so können wir dennoch die Gewissheit haben, daß nichts von allen, was uns auf diese Weise erhalten geblieben ist, sei es zu einem Jünger oder Feind gesprochen, als Warnung, Rat, Zurechtweisung Trost, Beweis oder Verurteilung, daß nichts eine nur vorübergehende Bedeutung, ein nur begrenztes Ziel oder Reichweite hätte, daß nichts sich nur auf den Augenblick oder eine einzelne Begebenheit oder auf die Zuhörerschaft bezog. Im Gegenteil : obwohl alle Seine heiligen Aussprüche in ein zeitliches Gewand gekleidet waren und einem unmittelbarem Zweck dienten und obwohl es infolgedessen schwierig ist, das Zeitliche und Unmittelbare an ihnen abzuziehen, so besitzen sie doch in jedem Zeitalter ihre zwingende Gewalt, denn sie leben in der Kirche auf Erden, „bleiben auf ewig im Himmel“ (Ps 118, 89), und fließen fort in die Ewigkeit. Sie sind unsere Richtschnur, „ heilig, gerecht und gut „ „eine Leuchte unseren Füßen und ein Licht auf unseren Pfaden“ (Ps 118,105), heutzutage gerade so gültig und eindrucksvoll wie damals, als sie erstmals ausgesprochen wurden.

Trifft aber solches zu, selbst für den Fall, daß allein menschliche Sorgfalt die Brosamen von seinem Tisch gesammelt hätte, so haben wir nun eine um so größere Gewissheit von den Werten dessen, was über ihn berichtet ist, weil wir es tatsächlich nicht von Menschen, sondern von Gott erhalten haben. Der Heilige Geist, der herabkam, um Christus zu verherrlichen, der die Evangelisten zum Schreiben antrieb, entwarf für uns kein unfruchtbares Evangelium; vielmehr – gepriesen sei sein Name – Er erwählte und bewahrte für uns jene Worte auf, die in späteren Zeiten einen hervorragenden Nutzen haben sollten, jene Worte, die in Glaube, Sitte und Zucht das Gesetz der Kirche bilden sollten; nicht ein Gesetz auf steinerne Tafeln geschrieben, sondern ein Gesetz des Glaubens und der Liebe, des Geistes, nicht des Buchstabens; ein Gesetz für willige Herzen, die imstande wären, „zu leben nach jedem Wort“, nach dem geringsten und unscheinbarsten, „das aus seinem Munde kommt“ (Mt 4,4), und die aus den Samenkörnern, die der himmlische Sämann ausstreute, ein Paradies der göttlichen Wahrheit würden zeitigen können. Wir wollen daher demütig versuchen, mit diesem Ge­danken vor Augen und mit der Hilfe Seiner Gnade, aus dem Vorspruch einigen Nutzen zu ziehen.

Martha und Maria waren die Schwestern des Laza­rus, der später von den Toten erweckt wurde. Alle drei lebten zusammen, aber Martha war die Haus­frau. St. Lukas erwähnt in einem dem Vorspruch vorangehenden Vers, daß Christus in „einen Flecken kam, und eine Frau namens Martha Ihn in ihr Haus aufnahm“. Als Haupt einer Familie hatte sie also Pflichten, die notgedrungen ihre Zeit und ihre Gedanken in Anspruch nahmen. Und bei dieser Gelegenheit zeigte sie sich aus dem Verlangen, ihren Herrn zu ehren, besonders geschäftig. „Martha machte sich viel zu schaffen, um Ihn reichlich zu be­dienen.“ Anderseits war ihre Schwester frei von dem Zwang weltlicher Inanspruchnahme, da sie die Jüngere war. „Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Diese setzte sich zu den Füßen Jesu und hörte auf Seine Worte.“ Der nämliche Unterschied in Pflichtauffassung und Charakter tritt zutage in dem Bericht vom Tod und von der Erweckung des Laza­rus, wie wir ihn im Johannesevangelium finden. „Sobald nun Martha hörte, daß Jesus käme, eilte sie Ihm entgegen; Maria aber saß immer noch zu Hause“ (Jo 11,20). Nachher „ging Martha hin, rief heimlich ihre Schwester und sagte: Der Meister ist da und ruft dich“ (Jo 11,28). Ferner lesen wir zu Beginn des folgenden Kapitels: „Daselbst bereite­ten sie Ihm ein Festmahl und Martha diente … Da nahm Maria ein Pfund sehr kostbarer Narde, salbte die Füße Jesu und trocknete Seine Füße mit ihren Haaren“ (Jo 12,2.3). In diesen Stellen tritt uns,  wenngleich unter verschiedenem  Gesichts­punkt, derselbe allgemeine Unterschied zwischen den Schwestern entgegen, — Martha ist die immer dirigierende und handelnde, während Maria die zurückgezogene und bescheidene Magd Christi ist, die ihre Freude daran findet, weltlicher Pflichten enthoben, zu Seinen Füßen zu sitzen und Seine Stimme zu hören, und die schweigend Ihn mit ihrem Besten ehrt, ohne Seiner heiligen Gegenwart auf­dringlich zu sein.

Kehren wir zurück: — „Martha machte sich viel zu schaffen, um Ihn reichlich zu bedienen, und sie trat herzu und sprach: Herr, kümmert es Dich nicht, daß meine Schwester mich allein dienen läßt? Sag ihr doch, daß sie mir helfe! Und Jesus antwortete und sprach zu ihr“ mit den Worten des Vorspruches: „Martha, Martha! du machst dir Sorge und beküm­merst dich um sehr viele Dinge; Eines nur ist not­wendig. Maria hat den guten Teil erwählt, der ihr nicht wird genommen werden.“ Ich will aus dieser Begebenheit und aus der von unserem Heiland gegebenen Erklärung zwei Lehren ableiten.

  1. Es ergibt sich daraus auf Grund Seiner eige­nen Autorität, daß man Ihm auf zwei Arten dienen kann — durch aktives Wirken und durch schwei­gende Anbetung. Natürlich spricht Er hier nicht von denen, die sich Seine Diener nennen, es jedoch nicht sind; die die eine oder andere Lebensart heucheln, die entweder „ersticken in den Sorgen dieser Welt“ (Mt 13,22) oder müßig und nutzlos daliegen wie die harte Wegseite und „keine Frucht zur Reife bringen“. Auch ist es nicht so, als ob Seine Worte besagten, daß ein Teil der Christen ausschließlich zum Gottesdienst berufen wäre, ein anderer aus­schließlich zu aktiver Wirksamkeit. Es gibt geschäf­tige Menschen und Menschen der Muße, die keinen Teil an ihm haben; es gibt andere, die nicht ohne Fehler sind, weil sie gänzlich die Muße dem Ge­schäft oder das Geschäft der Muße opfern. Aber selbst wenn wir den Gedanken an die Unwahren und Überspannten beiseite lassen, so bleiben schließlich immer noch zwei Klassen von Christen: jene, die Martha, und jene, die Maria gleichen. Beide verherrlichen Ihn auf ihre Weise, sei es durch Arbeit, sei es durch Muße, und auf beide Arten bezeugen sie, daß sie nicht sich selbst gehören, son­dern mit einem Preis erkauft sind, entschlossen zu gehorchen und beharrlich in der Ausführung Seines Willens. Arbeiten sie, dann geschieht es um Seinet­willen, beten sie an, dann geschieht es auch da aus Liebe zu Ihm.

Und weiter, diese beiden Klassen Seiner Jünger wählen nicht sich selbst ihre Art zu dienen, sondern erhalten sie von Ihm zugewiesen. Martha mochte die Ältere sein, Maria die Jüngere. Ich behaupte nicht, daß es nie dem Christen überlassen ist, seinen Weg selbst zu wählen, ob er mit den Engeln dienen oder mit den Seraphim anbeten will. Oft geschieht es so, und dann kann er mit vollem Recht Gott benedeien, wenn es in seiner Macht liegt, fortan jenen guten Teil zu wählen, den unser Heiland be­sonders preist. Meistens aber hat jeder den für ihn bestimmten Platz in der Bahn der göttlichen Vor­sehung inne, falls er ihn einnehmen will; zum min­desten kann kein Zweifel darüber sein, welche für weltliche Obliegenheiten bestimmt sind. Die Not­wendigkeit, sich einen Lebensunterhalt zu verschaf­fen, die Ansprüche einer Familie, die Pflichten von Stellung und Amt: das sind Fingerzeige Gottes, die der Mehrzahl den Weg Marthas weisen. Über­gehen wir also den Gedanken an diese Mehrzahl und erwägen wir vielmehr, wer zu jenen gehört, die augenscheinlich zu dem vorzüglicheren Teil Ma­rias berufen sind. Hierbei will ich deutlich machen, worin dieser Teil besteht.

Zuerst führe ich natürlich das Greisenalter als Bei­spiel an; seine Zeit der Tätigkeit ist vorbei, und darin scheint für dasselbe die Mahnung zu liegen, Gott in Gebet und Betrachtung zu dienen. So war es bei Anna; „sie war vorgerückt zu hohen Jah­ren … und war eine Witwe von ungefähr vierund­achtzig Jahren, die nie vom Tempel wegging, son­dern Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht diente“ (Lk 2,36.37). Hier finden wir die Beschrei­bung der Berufenen wie auch ihres Tuns. Beachtet ferner, das Ziel, auf das ihr Dienst sich richtete, waren die in Christus, dem Heiland, mündenden Verheißungen. Als Er in den Tempel gebracht wurde, „pries sie den Herrn und redete von Ihm zu allen, die in Jerusalem auf die Erlösung warteten“. Weiter haben wir die nämliche Beschreibung der Person, sicher das nämliche Tun vor uns in dem Gleichnis von der ungestümen Witwe. „Er sagte ein Gleichnis zu ihnen darüber, daß man allezeit beten müsse und nicht nachlassen dürfe“ (Lk 18,1). Die Witwe sprach: „Schaffe mir Recht gegen mei­nen Widersacher.“ „Sollte denn Gott Seinen Aus­erwählten“, fragt unser Herr, „die Tag und Nacht zu Ihm rufen, nicht Recht schaffen, obschon Er sie lange warten läßt?“ Fügt die Beschreibung des hei­ligen Paulus hinzu: „Sie, die wahrhaft Witwe und verlassen ist, setze ihr Vertrauen auf Gott und verharre in Gebet und Flehen Tag und Nacht“ (1 Tim 5,5).

An zweiter Stelle sind jene in den Teil Marias ein­geschlossen, die dem Altare dienen. „Selig ist der, den Du erwählst und annimmst“, sagt der Psalmist, „er wird wohnen in Deinen Vorhöfen“ (Ps 64,5). Nach der Vorschrift der Apostel sollten die Diakone für die Angelegenheiten der Kirche sorgen, die Pre­diger sollten unter die Heiden gehen, die Bischöfe sollten die Lenker sein; die Priester aber sollten mehr oder weniger im eigentlichen Schoß des Gottes­volkes bleiben, in den Vorhöfen Seines Hauses, im heiligen Dienst, „sie sollten das Priesteramt aus­üben“, wie wir in der Apostelgeschichte (Apg 13,2) lesen, das Opfer des Lobes und Dankes darbringen, lehren, unterrichten, aber nicht in weltliche Geschäfte oder Sorgen verwickelt sein. Ich behaupte damit nicht, daß diese verschiedenen Ämter nie in einer Person vereinigt gewesen seien, sondern nur, daß sie in sich verschieden waren und daß es in der Tendenz der apostolischen Anordnung lag, aus der Zahl der christlichen Diener gewisse auszusondern, die Gott und der Kirche durch Danksagung und Fürbitte dienen sollten.

Sodann möchte ich die Kinder nennen, die in gewis­ser Hinsicht Marias Anteil genießen. Solange sie noch nicht in die Welt zu Geschäft oder Beruf hinaustreten, sollte ihre Schulzeit gewissermaßen eine Betrachtung ihres Herrn und Heilandes sein. Gewiß können sie nicht so ernsthaft in die heiligen Dinge eindringen, wie das später möglich ist; sie dürfen nicht auf unnatürliche Art zum Gottesdienst gezwungen werden, dagegen sollten sie zu einer wirklichen Gehorsamshaltung und zu der für die Zukunft notwendigen Zucht herangeschult werden; schließlich dürfen wir nicht vergessen, daß Er, der ebenso das Musterbild der Kinder wie der Erwach­senen ist, mit zwölf Jahren in Seines Vaters Haus aufgefunden wurde und daß es später, als Er vor Seinem Leiden dorthin kam, die Kinder waren, die Ihn mit den Worten begrüßten: „Hosanna dem Sohne Davids“ (Mt 21,9), und damit eine Weis­sagung erfüllten und Sein Lob ernteten.

Weiter erfahren wir, auf die Autorität des heiligen Paulus hin (wenn das in einer so eindeutigen Sache erforderlich ist), daß Marias Teil mehr oder weniger den Unverheirateten zuerkannt ist. Ich sage mehr oder weniger, weil Martha selbst, die einem Haushalt vorstand, gleichwohl aber unverheiratet war, in einem gewissen Sinn eine Ausnahme bil­dete und weil Diener Gottes, wie der heilige Pau­lus, unverheiratet bleiben können, nicht um weniger zu arbeiten, sondern um unmittelbarer für den Herrn zu arbeiten. Die Worte des heiligen Paulus, so haben einige bemerkt, scheinen fast bis in den Ausdruck hinein dem Vorspruch zu gleichen, wenn wir das griechische Original lesen. Dies ist um so erklärlicher, als St. Lukas ein Begleiter des Apostels war, und sein Evangelium scheint auch sonst von ihm zitiert zu werden. Er sagte gleichsam: „Die Un­verheirateten bekümmern sich um das, was des Herrn ist, so daß sie an Körper und Geist heilig sind. Und das sage ich zu eurem eigenen Vorteil, damit ihr sorglos zu des Herrn Füßen sitzen könnt.“ Ferner trifft das Beispiel Marias noch auf eine große Anzahl von Christen zu, die in verschiedene Umstände hineingestellt sind und deren Person zu schildern nicht gut möglich ist: z. B. auf Reiche, die Muße haben, oder auf tätige Menschen während ihrer freien Zeit, wenn sie nämlich mit ihrer ge­wöhnlichen Beschäftigung aussetzen, um sich zu er­holen. Es war sicher der Gedanke unseres Herrn, daß die einen oder anderen Seiner Diener Ihn immer an jedem Ort anbeten sollten und das nicht nur im Herzen, sondern mit Andachtsübungen. St. Paulus sagt: „Ich will demnach, daß die Män­ner“, nämlich jenes Geschlecht, dessen hauptsäch­liche Strafe es war, „im Schweiße seines Angesichtes das Brot zu essen“ (Gn 3,1), „daß die Männer an allen Orten beten und reine Hände aufheben“, im allgemeinen und öffentlichen Gottesdienst, „ohne Zorn und Bedenken“ (1 Tim 2, 8). So sehen wir, daß selbst ein römischer Hauptmann wie Kornelius inmitten seiner militärischen Pflichten Zeit gefun­den hatte, Gott beständig zu dienen, schon bevor er ein Christ wurde, und infolgedessen die Erkennt­nis des Evangeliums als Lohn empfing. „Er betete immerdar zu Gott“, heißt es, und seine „Gebete und Almosen sind emporgestiegen zum Gedächtnis vor Gott“ (Apg 10, 2. 4).

Endlich sind in Marias Anteil zweifellos die Seelen derer mitinbegriffen, die im Glauben und in der Furcht Christi lebten und starben. Die Schrift sagt uns, „daß sie ruhen von ihren Mühen“ (Offb 14,13); und in dem gleichen heiligen Buch steht, daß ihr Tun Gebet und Lobpreis ist. Während Gottes Die­ner hier unten Tag und Nacht an jedem Ort zu Ihm rufen, „dienen Ihm diese Tag und Nacht in Seinem Tempel“ dort oben, und von ihrem Ruheort aus unter dem Altar bitten sie mit lau­ter Stimme für jene heiligen Anliegen, die sie hinter sich gelassen haben. „Wie lange, Herr, heiliger und wahrhaftiger, richtest Du nicht und rächest nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?“ „Wir danken Dir, daß Du Deine große Kraft an Dich genommen und geherrscht hast“ (Offb 7,15; 6,10; 11,17).

Dies ist also die Schar derer, die Marias Los teilen: die Greise und Kinder, die Unverheirateten und Priester Gottes und die Geister der vollendeten Ge­rechten, sie alle heben wie Moses auf dem Berg heilige Hände einmütig zu Gott empor, während ihre Brüder kämpfen, oder sie sinnen nach über die Verheißungen, lauschen der Lehre ihres Heilandes oder zieren und verschönern den Dienst der An­betung.

  1. Da hier von dem zweifachen Charakter des christ­lichen Gehorsams die Rede ist, möchte ich weiter be­merken, daß Marias Teil der bessere von beiden ist. Unser Herr drückt sich zwar nicht genau so aus, aber Er schließt es klar mit ein: „Martha, Martha! du machst dir Sorge und bekümmerst dich um viele Dinge; Eines nur ist notwendig. Maria hat den guten Teil erwählt, der ihr nicht wird genommen werden.“ Faßt man Seine Worte buchstäblich auf, so könnten sie tatsächlich sogar bedeuten, Marthas Herz sei nicht im Einklang mit Ihm, was sie jedoch nicht bedeuten, wie aus anderen Teilen der heiligen Geschichte erhellt. Was Er nahelegen wollte, war daher sicher dies, daß Marthas Anteil voller Schlin­gen war, weil er in weltlichem Dienst bestand, daß aber Maria in ihrem Anteil nicht leicht fehlgehen konnte; daß wir auf falsche Weise geschäftig sein können, daß wir Ihn aber nur auf eine rechte Weise anbeten können, daß, wenn es mit anderen Pflichten zusammengeht, Gott in ständigem Gebet und Lob­preis dienen, die Betätigung jenes „einen Notwen­digen ist“ und in hervorragendem Maße „jener gute Teil, der uns nicht wird genommen werden“. Es ist unmöglich, die Briefe des heiligen Paulus auf­merksam zu lesen, ohne wahrzunehmen, wie treu sie diese Weisung unseres Herrn auslegen. Wer will es bezweifeln, daß sie viel und oft von der Pflicht der Anbetung, Betrachtung und Danksagung, des Gebetes, des Lobpreises und der Fürbitte sprechen und zwar in einer Weise, daß sie den Christen dazu bewegen sollen, sie zu der gewöhnlichen Beschäfti­gung seines Lebens zu machen, soweit die anderen Pflichten es ihm erlauben? Also nicht, daß er dar­über seinen rechtmäßigen Beruf vernachlässigen, noch auch, daß er sich damit begnügen dürfte und sich nicht ebenso kräftig bemühen müßte, Gutes zu tun: wie z. B. durch Jugenderziehung, durch Dienst an den Kranken und Bedürftigen, durch seelsorger­liches Wirken, Studium oder eine andere Aufgabe, — dennoch, er widme sich einem Leben zu Jesu Füßen und höre immerfort auf Sein Wort. Ist es für uns, die wir Ihn wirklich lieben, nicht ein ein­deutiges, alles andere überragendes Vorrecht, zu diesem überirdischen Leben berufen zu sein? Be­trachtet im Anschluß an die bereits angeführten Stellen noch die folgenden und seht, ob sie wohl im gewöhnlichen Lebenslauf der Christen ganz ver­wirklicht werden können, aber auch, ob sie nicht alle den Geist, den sie einschärfen, im Innern pflegen und gebührend zur Auswirkung bringen müssen. Seht, ob sie nicht eine Veranschaulichung jenes ge­segneteren Teiles sind, mit dem Maria beschenkt wurde. „Seid beharrlich im Gebet und seid wachsam darin mit Danksagung“ (Kol 4, 2). „Das Wort Christi wohne reichlich in euch mit aller Weisheit. Lehret und ermahnet einander mit Psalmen und Lobliedern und geistlichen Gesängen, und singet Gott mit Dankbarkeit in euren Herzen“ (Kol 3,16). „Freuet euch allezeit, betet ohne Unterlaß, sagt Dank bei allem …, löschet den Geist nicht aus, ver­achtet nicht Weissagungen“ (1 Thess 5,1620). „Ich will demnach, daß die Männer an allen Orten beten und reine Hände aufheben“ (1 Tim 2,8). „Berauschet euch nicht mit Wein, worin Ausschwei­fung liegt, sondern seid voll des Geistes; redet mit­einander in Psalmen und Lobgesängen und geist­lichen Liedern, singet und jubelt dem Herrn in euren Herzen; danket allezeit für alles Gott, un­serem Vater, im Namen unseres Herrn Jesus Christus“ (Eph 5,18—20). „Stehet also fest, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit,… ergreifet den Schild des Glaubens, . . . und das Schwert des Gei­stes, welches ist das Wort Gottes. Mit lauter Bitten und Flehen betet allezeit im Geiste und wachet darin in aller Beharrlichkeit und in Fürbitte für alle Heiligen“ (Eph 6,14—18). So spricht der heilige Paulus; in gleicher Weise St. Petrus: „Alle eure Sorge“ (wie die Marthas) „werfet auf Ihn, denn Er sorgt für euch“ (1 Petr 5, 7). „Enthaltet euch vom Wein, damit ihr beten könnt“ (1 Petr 4, 7); und der heilige Jakobus sagt uns: „Leidet jemand unter euch, so bete er. Ist jemand guten Mutes, so singe er Psalmen“ (Jak 5,13).

Dies sind die Weisungen der Apostel; beachtet so­dann, wie sie in der Urkirche erfüllt wurden. Bevor der Tröster herabkam, „verharrten alle“ (die Apo­stel) — es ist genau das Wort des heiligen Paulus in den oben angeführten Stellen —, sie harrten stand­haft durch, sie hielten aus „einmütig im Gebet und Flehen samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und samt Seinen Brüdern“ (Apg 1,14). Und so nach Pfingsten; „sie verharrten“ — dasselbe Wort, sie hielten standhaft aus — „täglich einmütig im Tempel, brachen das Brot in den Häusern, nah­men Speise in Freude und Herzenseinfalt und prie­sen Gott“ (Apg 2,46.47). Dieses anfängliche Gna­denvorrecht wurde ihnen, wie wir wissen, als Ge­meinschaft bald genommen. Verfolgung erhob sich, und sie wurden bald dahin bald dorthin über die Erde „zerstreut“ (Apg 8,1). Fortan fiel ihnen das Los Marthas zu. Sie waren mit Mühen — freuden­reichen oder schmerzvollen — überladen; freuden­reich waren sie, denn sie hatten das Evangelium über die Welt hin zu verkünden, schmerzvoll, denn sie büßten nicht nur irdische Annehmlichkeiten ein, sondern in gewisser Hinsicht die innere Ruhe. Sie waren gleich Wanderern in der Wüste, geschieden von den Sakramenten der göttlichen Gnade. Hier und da stießen sie während der Wanderung auf einige ihrer Brüder, „Propheten und Lehrer, die in Antiochien dem Herrn den heiligen Dienst ver­richteten“; oder auf die Töchter des Philippus, „Jungfrauen, die in Cäsarea weissagten“ (Apg 13, 12; 21, 9). Sie trafen sich im stillen zum Gottes­dienst, da sie Angst hatten vor ihren Feinden; und als im Lauf der Zeit das Feuer der Verfolgung hef­tiger wurde, flohen sie in die Wüsten und errich­teten dort Häuser für den göttlichen Dienst. So wurde Marias Anteil der Kirche viele Jahre vor­enthalten, in denen sie sich abzumühen und zu lei­den hatte. Auch der heilige Paulus, jener große Apostel, war ein Mann des Kampfes und der Ar­beit, obwohl er seine Zeiten des Gnadenvorrechtes hatte, als er in den dritten Himmel entrückt wurde und den Gesang der Engel hörte. Er kämpfte für die Wahrheit und legte so die Fundamente des Tempels. Er wurde „gesandt zu predigen, nicht zu taufen“ (1 Kor 1,17). Er durfte das Haus Gottes nicht bauen, denn er trat auf wie David als „ein Mann des Blutes“ (2 Sm 16, 7). Er sammelte nur das Material für den heiligen Bau. Die Lehre über das Priestertum, die Nachfolge der Apostel, der Gottesdienst, die Vorschriften der Kirchenzucht, alles, was unserer Religion Ordnung, Schönheit und Eintracht verleiht, wurde Stück für Stück von seinen Freunden und Mitaposteln aus seinen Briefen schon zu seinen Lebzeiten und noch später hervorgeholt, je nachdem die Lage der Kirche es zuließ.

Demgemäß wurde, auch dank zuweilen ruhigerer Zeitläufte, der Aufbau weitergeführt, da und dort, zu dieser oder jener Zeit, in den Höhlen oder in der Wüste oder in den Bergen, wo eben die Diener Gottes vereinzelt lebten, bis eine Zeit des Friedens anbrach und am Ende von dreihundert Jahren das Werk vollendet war. Von jener Zeit an bis zum heutigen Tag wurde Marias Anteil einer großen Zahl von Christen angeboten, wenn sie sich dazu berufen fühlten. Auch heute gäbe es in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft große Scharen, die das Gnadenvorrecht beständigen Lob­preises und Gebetes und des Sitzens zu Jesu Füßen genießen könnten, wenn sie von ihrer Begnadigung wüßten. Trotz allem sind es zweifellos nur die we­nigen; denn die Mehrzahl der Christen kennt nur den Tag des Herrn als den Tag der Ruhe, und sie würden ihre Pflicht vernachlässigen, wenn sie an den anderen Tagen lebten wie an ihm. Was aber den einen nicht gewährt ist, ist anderen gewährt, nämlich: Gott in Seinem Tempel zu dienen und darin ihren Frieden zu haben. Wer diese Begnade­ten sind, wurde eben in allgemeiner Form gesagt; das ist alles, was man zu einer Frage sagen kann, die jeder nach bester Einsicht und persönlicher Lage für sich selbst entscheiden muß. Aber wenn ich auch nicht den Versuch mache, über einzelne zu urteilen, so viel wenigstens darf ich doch gewiß behaupten: wenn es ein Zeitalter gibt, das den Anteil Marias gänzlich aufgegeben und in Verruf gebracht hat, dann ist dieses Zeitalter hierin dem Geist des Evan­geliums notwendig fremd geworden.

Laßt mich also schließlich zu unserer Erbauung die Frage stellen, ob das nicht vielleicht auf unsere Zeit zutrifft? Ich sage „vielleicht“; denn in diesen Din­gen geben die Menschen ihre Beweggründe und Grundsätze weniger offen preis als in anderen, da sie ihrer Natur nach unmittelbar zwischen ihnen und Gott stehen. Doch wenn wir dies auch in Rech­nung ziehen, stehen wir nicht zum mindesten in einer Zeit, in der nur wenige gerade wegen der gesellschaftlichen Lage „sich beständig dem Gebet“ und anderen unmittelbar religiösen Diensten wid­men können? Hat sich nicht das Verlangen nach Reichtum so in unser Herz eingefressen, daß wir Armut für das größte Übel halten, daß wir ge­sicherten Wohlstand als die vorzüglichste Segnung ansehen; daß wir alle Dinge nach dem Mammon bemessen, daß wir nicht nur uns selbst damit ab­mühen, sondern auch unsere ganze Umgebung in unseren persönlichen schlimmen Eifer derart hinein­ziehen, daß sie sich selbst bei bestem Willen nicht von der Jagd danach zurückhalten kann? Vollzieht sich nicht der Aufbau der Gesellschaft planmäßig so, daß alle ihre Glieder in den Dienst der Welt eingereiht werden, fast ob sie wollen oder nicht? Hielte man einen Menschen nicht für tatenlos und unproduktiv, der nicht darauf ausginge, sein Glück zu machen im Erjagen der Dinge, die die Schrift „die Wurzel aller Übel“ nennt (1 Tim 6,10) , die Liebe zu denen sie als „Habsucht, die Götzendienst ist“ (Kol 3,5) , bezeichnet und deren Besitz, wie sie feierlich erklärt, einen Menschen beinahe vom Him­melreich ausschließt? Ach, kann man dies leugnen? Und deshalb wird natürlich diese ganze Welt der stillen Andacht, der heiligen Betrachtung, der Frei­heit von weltlichen Sorgen, die unser Heiland an Maria preist, beiseite geschoben, mißverstanden oder vielmehr völlig übersehen wie der herrliche Sonnenschein von einem Blinden, ja verlästert und verlacht als etwas Verächtliches und Nichtiges. Sicher kann kein ehrlicher Mensch daran zweifeln, daß Maria, wäre sie heute am Leben, gerügt und be­dauert würde, wollte sie jenen Lebensstand wählen, in dem Christus sie antraf, wäre sie es zu­frieden, zu Jesu Füßen zu weilen. Sein Wort zu hören und von dieser lästigen Welt befreit zu sein. Oberflächliche würden mit Befremden und Gebil­dete voll Mitleid auf eine solche schauen, die ihr Le­ben vergeudete und ein schwermütiges und freude­leeres Los erwählte. Das ist vor langer Zeit einmal geschehen. Selbst die heilige Martha, so eifrig und treuherzig sie auch war, selbst ihr Beispiel erinnert uns an die Ungehaltenheit und an die Gering­schätzung, womit jene, die sonst ganz verschieden von ihr sind, die Kinder dieser Welt, auf die schauen, die sich Gott weihen. Auch an ihr, so kommt es uns vor, finden wir wie im Urbild jene unbedachte, unchristliche Art, mit der soviel später unsere eigene Zeit die Andachtsübungen herabsetzt. Hören wir nie sagen, daß der tägliche kirchliche Gottesdienst unnötig ist? Bekommen wir es nie zu hören, es sei kaum der Mühe wert, ihn zu halten, außer es kämen zahlreiche Besucher, wie wenn eine einzige Seele, auch nur eine einzige, nicht kostbar genug wäre für Christi Liebe und für die Obsorge Seiner Kirche? Hört man nie den Einwurf, daß eine nur zum Teil gefüllte Kirche ein entmutigender An­blick ist, als ob unser Herr Jesus überhaupt die vielen und nicht die wenigen dafür ausersehen hätte, Seine treuen Jünger zu sein? Wird denn nie behauptet, ein Geistlicher erfülle seinen Posten nicht, außer er nehme sich beständig der gefühllosen Masse an, anstatt nur den wenigen zu dienen, die frömmer sind? Ach, es muß schon schlimm um uns stehen, wenn unsere Verteidiger die Kirche nur mit Rücksicht auf ihr Wirken, ihre Popularität und ihre offenkundige Nützlichkeit empfehlen und kaum Be­denken trügen, uns aufzugeben, hätten wir nicht die Mehrzahl auf unserer Seite! Wenn wir uns des­willen rühmen, weil Reiche und Mächtige und die große Menge uns lieben, dann kann es nie ein frommes Rühmen sein, es kann sogar unsere Ver­urteilung bedeuten. Christus bereitete Sein Fest den „Armen, Schwachen, Lahmen und Blinden“ (Lk 14,13). Die im Gebet versammelten Witwen und Waisen, Schwachen, Hilflosen und Frommen, diese sind die Stärke der Kirche. Ihre Gebete, seien es ihrer viele oder wenige, die Gebete Marias und derer, die ihr gleichen, diese Menschen sind es, die unter der Fahne Christi die Schutzwehr derer bilden, die mit Paulus und Barnabas die Schlachten des Herrn schlagen. „Vergeblich ist es früh aufzustehen und spät noch umzugehen und das Brot der Schmer­zen zu essen“, wenn das Gebet nicht fortgesetzt wird (Ps 126,2). Reine Verblendung ist es, wenn wir glauben, den Feinden, die in diesem Augenblick vor unserer Tür stehen, Widerstand leisten zu können, wenn unsere Kirchen geschlossen bleiben und wir nur wenige Minuten am Tag dem Gebete widmen.

Selig in der Tat sind jene, die Christus näher zu sich herruft, damit sie Seine besonderen Begleiter und vertrauten Freunde seien; noch seliger, wenn sie ihrer Berufung folgen und sie erfüllen! Selig schon, wenn ihnen gelegentlich eine Zeit vergönnt ist, diesen Dienst vor Ihm zu tun; aber begnadet und über alle Vorstellung hinaus beehrt sind sie, wenn sie ohne Pflichtverletzung mit eindeutiger Entschiedenheit ihres Herzens weltliche Dinge bei­seite tun, das Streben nach Wohlstand aufgeben, von Familiensorgen sich frei halten und sich als ein heiliges Opfer ohne Flecken und Makel Dem schenken können, der für sie starb4. Sie sind die, die „Ihm folgen, wohin Er auch geht“ (Offb 14,4), und denen ganz besonders jene Lehren von Glaube und Selbstverleugnung gelten, die in Senem Evan­gelium geschrieben stehen. „Seht zu“, sagt Er, „und hütet euch vor aller Habsucht; denn wenn jemand auch Überfluß hat, so hängt sein Leben nicht von seinen Gütern ab. Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen, noch für den Leib, was ihr anziehen wer­det. Betrachtet die Lilien, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Fraget nicht, was ihr essen oder trinken sollt, und seid nicht ängstlich besorgt; denn nach allem diesem trachten die Hei­den; euer Vater aber weiß, daß ihr dessen bedürfet. Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben. Ver­kaufet, was ihr habt, und gebt Almosen; machet euch Beutel, die nicht veralten, wo kein Dieb dazu kommt und die keine Motte verzehrt. Eure Lenden sollen umgürtet sein und brennende Lampen in euren Händen. Seid Menschen ähnlich, die auf ihren Herrn warten, wann Er von der Hochzeit zurückkommen wird. Selig jene Knechte, die der Herr wachend findet, wenn Er kommt. Wahrlich, ich sage euch, Er wird Sich gürten“ — Er, der sie auf Erden zu Seinen Füßen sitzen und Sein Wort hören oder seine Füße mit öl salben und küssen ließ, Er Seinerseits „wird Sich gürten“, wie er in Seiner un­aussprechlichen Herablassung vor Seinem Leiden tat, „und sie zu Tisch setzen und umhergehen und sie bedienen. Und wenn Er in der zweiten Nacht­wache kommt, oder in der dritten Nachtwache kommt und sie so findet, selig sind diese Knechte! So seid denn auch ihr bereit; denn der Menschensohn wird zu einer Stunde kommen, da ihr es nicht er­wartet“ (Lk 12,15 – 40).

 

John Henry Newman,
Pfarr- und Volkspredigten, DP III, 22,
Schwabenverlag, Stuttgart 1951, 350-368.