Newman Rundbrief 1. Juli 2019

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Wappen farbig

Rom, am 1. Juli 2019

Liebe Newman-Freunde!

Mit großer Freude können wir Ihnen mitteilen, dass der selige John Henry Newman am 13. Oktober 2019 in Rom auf dem Petersplatz von Papst Franziskus gemeinsam mit vier anderen Seligen heiliggesprochen werden wird.

Als Newman einmal hörte, man hätte ihn einen Heiligen genannt, schrieb er mit trockenem Humor: „Ich tauge nicht zu einem Heiligen – es ist schlimm, das zu sagen. Heilige sind keine Literaten, sie lieben die Klassiker nicht, sie schreiben keine Geschichten… Mir ist es genug, den Heiligen die Schuhe zu wichsen – so der heilige Philipp im Himmel Wichse gebraucht“ (LD XIII 419). Newman dachte zeitlebens, weit vom Ideal der Heiligkeit entfernt zu sein. Doch seit seiner ersten Bekehrung im Alter von fünfzehn Jahren (1816) war sein Streben entschieden auf Gott ausgerichtet, den er als Schöpfer und Lenker des Lebens erkannt hatte.

Das lebendige Bewusstsein der Gegenwart Gottes, die Ehrfurcht vor der Offenbarung und die Bereitschaft, Verantwortung für das Heil der Menschen zu übernehmen, prägten sein ganzes Leben. Im Zuge seiner ersten Bekehrung eignete er sich das Motto an: „Heiligkeit vor Frieden“. Sein Ziel bestand darin, jede Art faulen Friedens aufzudecken, der Wahrheit unbedingt zu folgen und ein Leben nach den Grundsätzen des Evangeliums zu führen. Einen Tag nach seinem Tod war in einem Nachruf der bekanntesten englischen Zeitung zu lesen: „Von einer Sache können wir sicher sein: Die Erinnerung an dieses reine und edle Leben, das von Weltlichkeit unberührt war…, wird fortdauern, und in den Gedanken frommer Menschen vieler Konfessionen in England wird er heiliggesprochen, ob Rom ihn nun kanonisiert oder nicht. Der Heilige… in ihm wird überleben“ (The Times, 12.8.1890).

In den 1950-er Jahren wurde am Ende des Pontifikats von Pius XII. der Heiligsprechungsprozess eröffnet. Es ist erstaunlich, wie klar die letzten Päpste ihre Wertschätzung für den englischen Kardinal zum Ausdruck gebracht und seine prophetische Bedeutung unterstrichen haben. Als der Passionist Dominic Barberi, der Newman 1845 in die katholische Kirche aufgenommen hatte, am 27. Oktober 1963 seliggesprochen wurde, sagte Paul VI. im Blick auf Newman: „Geführt allein von der Liebe zur Wahrheit und von der Treue zu Christus hat er einen Weg gebahnt, der zu den herausforderndsten, großartigsten, bedeutsamsten und entschiedensten gehört, den das menschlichen Denken während des vergangenen Jahrhunderts, ja man könnte sagen während der modernen Zeit eingeschlagen hat, um zur Fülle der Weisheit und des Friedens zu gelangen“. Paul VI. galt als großer Verehrer Newmans.

In einem Schreiben an den Erzbischof von Birmingham zum Gedenken an den 100. Jahrestag der Erhebung Newmans zum Kardinal stellte Johannes Paul II. am 7. April 1979 fest: „Newman war mit fast prophetischem Blick davon überzeugt, dass er für die Verteidigung und Stärkung der Religion und der Kirche nicht nur in seiner Zeit, sondern auch in der Zukunft arbeitete und litt. Sein inspirierender Einfluss als großer Lehrer des Glaubens und als geistlicher Führer wurde in unseren Tagen zunehmend deutlicher erkannt“.

Benedikt XVI., der Newman am 19. September 2010 in Birmingham seligsprach, sagte bei der Weihnachtsansprache an die Römische Kurie am 20. Dezember 2010: „Warum wurde Newman seliggesprochen? Was hat er uns zu sagen? Auf diese Fragen gibt es viele Antworten… Das erste ist, dass wir von den drei Bekehrungen Newmans zu lernen haben, weil sie Schritte eines geistigen Weges sind, der uns alle angeht. Herausheben möchte ich hier nur die erste Bekehrung: die zum Glauben an den lebendigen Gott. Bis dahin dachte Newman wie der Durchschnitt der Menschen seiner Zeit und wie auch der Durchschnitt der Menschen von heute, die Gottes Existenz nicht einfach ausschließen, aber sie doch als etwas Unsicheres ansehen, das im eigenen Leben keine wesentliche Rolle spielt. Als das eigentlich Reale erschien ihm wie den Menschen seiner und unserer Zeit das Empirische, das materiell Fassbare. Dies ist die ‚Realität‘, an der man sich orientiert. Das ‚Reale‘ ist das Greifbare, sind die Dinge, die man berechnen und in die Hand nehmen kann. In seiner Bekehrung erkennt Newman, dass es genau umgekehrt ist: dass Gott und die Seele, das geistige Selbstsein des Menschen, das eigentlich Wirkliche sind, worauf es ankommt. Dass sie viel wirklicher sind als die fassbaren Gegenstände. Diese Bekehrung bedeutet eine kopernikanische Wende. Was bisher unwirklich und unwesentlich erschien, erweist sich als das eigentlich Entscheidende. Wo eine solche Bekehrung geschieht, ändert sich nicht eine Theorie, sondern die Grundgestalt des Lebens wird anders. Dieser Bekehrung bedürfen wir alle immer wieder: Dann sind wir auf dem richtigen Weg“.

Auch Papst Franziskus hat seine Sympathie für Newman wiederholt zur Sprache gebracht. In seinem programmatischen Schreiben Evangelii gaudium vom 24. November 2013 zitiert er im Abschnitt über die Versuchungen der in der Seelsorge Tätigen aus einem Brief Newmans: „Es ist offenkundig, dass an einigen Orten eine geistliche ‚Wüstenbildung’ stattgefunden hat; sie ist das Ergebnis des Planes von Gesellschaften, die sich ohne Gott aufbauen wollen oder die ihre christlichen Wurzeln zerstören. Dort ‚wird die christliche Welt unfruchtbar und verbraucht wie ein völlig ausgelaugter Boden, der zu Sand geworden ist’ (LD III 204)“ (Nr. 86). An dieser Stelle spricht der Papst mit Worten Newmans von der Sterilität eines – leider manchmal auch innerhalb der Kirche anzutreffenden – Lebens und Wirkens ohne Gott. Je mehr wir in Verbundenheit mit dem lebendigen Gott leben und seinem Plan dienen, desto fruchtbarer wird unser Einsatz sein.

Als kleine Gabe zur bevorstehenden Heiligsprechung senden wir Ihnen zwei Vorträge, die P. Joseph Koterski SJ bei einem Studien- und Einkehrtag in Rom gehalten hat. Der erste Text wirft Licht auf eine wichtige philosophische Frage, die den neuen Heiligen sehr beschäftigt hat: „Newman und die Grade der Gewissheit“. Der zweite Beitrag legt dar, was der große englische Theologe und Seelsorger unter Heiligkeit verstand: „Was werden wir im Himmel tun? Newman und die Heiligkeit“.

Wir möchten auch daran erinnern, dass der Herr am 1. Juni 2019 Prof. Günter Biemer, den Ehrenvorsitzenden der Internationalen Deutschen John Henry Newman Gesellschaft, in die Ewigkeit heimgerufen hat. Prof. Biemer gehörte zu den bekanntesten Newman-Forschern deutscher Sprache und führte viele Menschen, vor allem durch seine Texteditionen und zwei Biographien, zu einem tieferen Verständnis von Newmans Leben und Werk. Bleiben wir ihm im Gebet und im Glauben an die Gemeinschaft der Heiligen verbunden.

In Vorfreude auf die baldige Heiligsprechung Newmans grüßen Sie „cor ad cor“

 

           P. Hermann Geißler FSO                                   Sr. Birgit Dechant FSO

© International Centre of Newman Friends, Rome 2019