9. Oktober – Gedenktag des Seligen John Henry Newman

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Newman, Lehrer des Gewissens

P. Dr. Hermann Geißler FSO

Am 19. September 2010, also vor einem Jahr, hat Papst Benedikt XVI. den bekannten englischen Theologen John Henry Newman selig gesprochen. Beim Weihnachtsempfang für die Römische Kurie am 20. Dezember 2010 erinnerte der Heilige Vater noch einmal ausführlich an die Seligsprechung Newmans. Er verwies dabei auch auf die Aktualität seiner Gewissenslehre. Wie der Papst ausführte, bedeutet das Wort Gewissen im modernen Denken, „dass in Sachen Moral und Religion das Subjektive, das Individuum die letzte Entscheidungsinstanz darstellt… Newmans Auffassung von Gewissen ist dem diametral entgegengesetzt. ‚Gewissen‘ bedeutet für ihn die Wahrheitsfähigkeit des Menschen: die Fähigkeit, gerade in den entscheidenden Bereichen seiner Existenz – Religion und Moral – Wahrheit, die Wahrheit zu erkennen. Das Gewissen, die Fähigkeit des Menschen zum Erkennen der Wahrheit legt ihm damit zugleich die Verpflichtung auf, sich auf den Weg zur Wahrheit zu begeben, nach ihr zu suchen und sich ihr zu unterwerfen, wo er ihr begegnet. Gewissen ist Fähigkeit zur Wahrheit und Gehorsam gegenüber der Wahrheit, die sich dem offenen Herzens suchenden Menschen zeigt. Der Weg der Bekehrungen Newmans ist ein Weg des Gewissens – nicht der sich behauptenden Subjektivität, sondern gerade umgekehrt des Gehorsams gegenüber der Wahrheit, die sich ihm Schritt um Schritt öffnete“.

Newman machte die Erfahrung, dass Gewissen und Wahrheit zusammengehören, sich gegenseitig stützen, ja dass der Gehorsam gegenüber dem Gewissen zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit führt. Im Folgenden wollen wir das Verhältnis zwischen Gewissen und Wahrheit in Newmans Schriften in seinen grundlegenden Zügen andeuten. Durch den Rückgriff auf die eigene Erfahrung ist Newmans Gewissenslehre modern und personalistisch – und deshalb eindeutig augustinisch – geprägt. Zuerst mag es nützlich sein, kurz auf Newmans Gewissensbegriff einzugehen.

Begriff des Gewissens bei Newman

Der Begriff des Gewissens hat viele unterschiedliche, zum Teil auch gegensätzliche Bedeutungen. Den entscheidenden Grund für diese Gegensätze beschreibt Newman mit folgenden Worten: „Was das Gewissen betrifft, gibt es zwei Weisen, wie die Menschen sich dazu verhalten. Bei der einen ist das Gewissen lediglich eine Art Sinn für Anstand, ein Geschmack, der uns das eine oder das andere nahe legt. Bei der anderen ist es das Echo der Stimme Gottes. Nun hängt alles an diesem Unterschied. Der erste Weg ist nicht der des Glaubens, der zweite ist es“[1].

In seinem berühmten „Brief an den Herzog von Norfolk“ (1874) geht Newman auf diese beiden gegensätzlichen Auffassungen über den Begriff des Gewissens näher ein. Die rein innerweltliche Deutung des Gewissens skizziert er so: „Wenn die Menschen die Rechte des Gewissens verteidigen, dann meinen sie in gar keinem Sinne damit die Rechte des Schöpfers, noch auch die Verpflichtung des Geschöpfes Ihm gegenüber in Gedanken und in der Tat; sie verstehen darunter vielmehr das Recht, zu denken, zu sprechen, zu schreiben und zu handeln, wie es ihrem Urteil oder ihrer Laune passt, ohne irgendwie dabei an Gott zu denken… Das Gewissen hat Rechte, weil es Pflichten hat. Doch in diesem Zeitalter besteht bei einem großen Teil des Volkes das eigentliche Recht und die Freiheit des Gewissens darin, vom Gewissen zu dispensieren, einen Gesetzgeber und Richter zu ignorieren und von unsichtbaren Verpflichtungen unabhängig zu sein. Man nimmt an, jeder habe einen Freibrief dafür, eine Religion zu haben oder nicht, sich dieser oder jener anzuschließen und sie dann wieder aufzugeben… Das Gewissen ist ein strenger Mahner; aber in diesem Jahrhundert ist es durch ein falsches Bild ersetzt worden, von dem die voraufgehenden achtzehn Jahrhunderte niemals gehört hatten und das sie auch nie mit dem Gewissen hätten verwechseln können, wenn sie davon gehört hätten. Es ist das Recht auf Eigenwillen“[2].

Diese Beschreibung gilt im Wesentlichen auch für unsere Zeit: Das Gewissen wird heute weithin mit der persönlicher Meinung, dem subjektiven Empfinden, dem Eigenwillen verwechselt. Es bedeutet für viele nicht mehr Verantwortung des Geschöpfes gegenüber dem Schöpfer, sondern vollständige Unabhängigkeit, gänzliche Autonomie, totale Subjektivität und Willkür. Das Heiligtum des Gewissens wurde „desakralisiert“. Gott wurde aus dem Gewissen verbannt. Die Folgen dieser gott-losen Auffassung des Gewissens stehen uns allen schmerzlich vor Augen. Denn aufgrund der Emanzipation von Gott neigt der Mensch dazu, sich auch von seinem Mitmenschen abzusondern. Er lebt in seiner eigenen Ich-Welt, oft ohne sich um den anderen zu kümmern, ohne sich für ihn zu interessieren, ohne sich für ihn verantwortlich zu fühlen. Individualismus, Streben nach Genuss, Ehre und Macht sowie schrankenlose Beliebigkeit machen die Welt dunkel und das Zusammenleben der Menschen immer schwieriger.

Gegenüber der rein immanenten Interpretation des Gewissens hält Newman entschieden an seiner transzendenten Deutung fest. Für ihn ist das Gewissen keine gänzlich autonome, sondern eine wesentliche theonome Größe – ein Heiligtum, in dem Gott sich jeder Seele ganz persönlich zuwendet. Mit den großen Lehrern der Kirche bekräftigt er, dass der Schöpfer den vernunftbegabten Geschöpfen sein eigenes Gesetz eingepflanzt hat. „Dieses Gesetz wird ‚Gewissen‘ genannt, insofern es in die Seelen der einzelnen Menschen aufgenommen ist. Obgleich es beim Eintritt in das intellektuelle Medium eines jeden eine Brechung erleiden kann, wird es dadurch doch nicht so beeinträchtigt, dass es seinen Charakter als göttliches Gesetz verliert, sondern es hat als solches noch das Vorrecht, Gehorsam zu fordern“[3]. Wir müssen dem Gewissen gehorchen, weil es den Anspruch erhebt, das Echo der Stimme Gottes zu sein. Zugleich haben wir die Pflicht, es zu bilden, damit es Gottes Gesetz möglichst rein und ohne Brechung durchscheinen lässt.

Newman selbst beschreibt die Bedeutung und die Würde des Gewissens mit herrlichen Worten: „Richtschnur und Maßstab der Pflicht ist weder Nutzen noch Vorteil, noch das Glück der größten Zahl, noch das Staatswohl, noch Vorteil, noch Schicklichkeit, noch Ordnung, und auch nicht das pulchrum. Das Gewissen ist weder weitsichtige Selbstsucht noch das Verlangen, mit sich selbst in Einklang zu stehen; sondern es ist ein Bote von Ihm, der sowohl in der Natur als auch in der Gnade hinter einem Schleier zu uns spricht und uns durch seine Stellvertreter lehrt und regiert. Das Gewissen ist der ursprüngliche Statthalter Christi, ein Prophet in seinen Mahnungen, ein Monarch in seiner Bestimmtheit, ein Priester in seinen Segnungen und Bannflüchen. Selbst wenn das ewige Priestertum in der Kirche aufhören könnte zu existieren, würde im Gewissen das priesterliche Prinzip fortbestehen und seine Herrschaft ausüben“[4].

Im Gewissen hört der Mensch nicht bloß die Stimme des eigenen Ich. Newman vergleicht das Gewissen mit einem Engel – einem Boten Gottes, der hinter einem Schleier zu uns spricht. Ja, er wagt es sogar, das Gewissen den ursprünglichen Statthalter Christi zu nennen und ihm die drei „Ämter“ des Propheten, des Königs und des Priesters zuzusprechen. Prophet ist das Gewissen, weil es uns im Voraus eingibt, ob eine Handlung gut oder böse ist. König ist es, da es uns mit Autorität auffordert: Tu dies, meide jenes! Priester ist das Gewissen, weil es uns nach einer guten Tat „segnet“ – damit ist nicht nur die beglückende Erfahrung des guten Gewissens gemeint, sondern auch der Segen, den das Gute in jedem Fall für den Menschen und die Welt bringt – bzw. nach einer bösen Tat „verurteilt“ – dies ist Ausdruck des bohrenden schlechten Gewissens und der negativen Auswirkungen der Sünde auf den Menschen und seine Umgebung. Wichtig für uns ist, dass das Gewissen nach Newman wesentlich mit Gott zu tun hat. Es ist ein in die Natur jedes Menschen eingeschriebenes Prinzip, das Gehorsam fordert, das gebildet werden muss und das über sich selbst hinausweist, hin auf Gott – zum eigenen Wohl und zum Wohl der anderen.

Gewissen und Gott

Newman ist davon überzeugt, dass wir im Gewissen das Echo der Stimme Gottes vernehmen. Noch mehr: Das Gewissen ist für ihn ein Weg zur Erkenntnis des lebendigen Gottes.

In seinem großen Werk „Entwurf einer Zustimmungslehre“ (1870) versucht er einen Aufweis Gottes ausgehend von der Erfahrung des Gewissens. Er unterscheidet bei der Analyse der Gewissenserfahrung zwischen dem „Sinn für das Sittliche (moral sense)“ und dem „Sinn für die Pflicht (sense of duty)“[5]. Mit dem Sinn für das Sittliche meint er das Urteil der Vernunft, ob eine Handlung gut oder böse ist. Der Sinn für die Pflicht dagegen ist der herrischer Befehl, die als gut erkannte Handlung zu tun oder die als böse erkannte Handlung zu unterlassen. Newman geht in seinen Überlegungen vor allem von diesem zweiten Aspekt der Gewissenserfahrung aus.

Weil das Gewissen „herrisch und nötigend wie kein anderer Befehl im ganzen Bereich unserer Erfahrung“ ist, hat es „eine innige Beziehung zu unseren Gefühlen und Gemütsbewegungen“[6]. Sehr vereinfacht könnten wir Newmans Gedankengang, der nicht im Sinn eines bloßen Psychologismus verstanden werden darf, mit folgenden Worten zusammenfassen: Wenn wir dem Befehl des Gewissens folgen, erfüllen uns Glück, Freude und Friede. Wenn wir dem Gewissen nicht gehorchen, überkommen uns Scham, Schrecken und Furcht. Diese Erfahrung deutet Newman folgendermaßen: „Wenn wir, wie es ja der Fall ist, uns verantwortlich fühlen, beschämt sind, erschreckt sind bei einer Verfehlung gegen die Stimme des Gewissens, so schließt das ein, dass hier Einer ist, dem wir verantwortlich sind; vor dem wir beschämt sind; dessen Ansprüche auf uns wir fürchten. Wenn wir nach dem Unrechttun den gleichen tränenvollen, herzbrechenden Gram fühlen, der uns erschüttert, wenn wir eine Mutter gekränkt haben; wenn wir nach dem Rechttun die gleiche lichtvolle Heiterkeit des Geistes genießen, die gleiche beruhigende Freude und Befriedigung, die einem Lob folgt, das wir von einem Vater empfangen – so haben wir gewiss in uns das Bild einer Person, auf die unsere Liebe und Verehrung blickt; in deren Lächeln wir unser Glück finden; nach der wir uns sehnen; an die wir unsere Klagen richten; bei deren Zorn wir in Verwirrung geraten und dahinschwinden… So ist also das Phänomen des Gewissens als das eines Befehls dazu geeignet, dem Geist das Bild eines höchsten Herrschers einzuprägen, eines Richters, heilig, gerecht, mächtig, allsehend, vergeltend“[7].

Newman weiß, dass das Gewissen den Menschen nicht automatisch zu Gott führt. Es kann nur dann auf Gott verweisen, wenn die Stimme des Gewissens nicht rein immanent erklärt, sondern in seinem transzendenten Charakter gesehen wird. Dann aber kann es dem Menschen das Bild eines persönlichen Gottes, eines obersten Gesetzgebers und Richters einprägen. In diesem Sinn ist das Gewissen nicht nur das Prinzip der Ethik, sondern auch der Religion.

Newman zieht den Weg zu Gott ausgehend vom Gewissen den traditionellen „Gottesbeweisen“ vor. Manche sehen darin eine Grenze des newmanschen Denkens und werfen ihm vor, den Aspekt der Innerlichkeit überbetont zu haben. Doch Newman lehnt die klassischen „Gottesbeweise“ nicht ab, ist aber der Auffassung, dass diese zu einem bloß abstrakten Gottesbild führen – zu einem ersten Beweger, einem Ordner aller Dinge, einem Schöpfer und Lenker der Welt. Sein Weg des Gewissens hingegen verweist auf einen Gott, der mit jedem Menschen in einer persönlichen Beziehung steht, der ihn anspricht, der ihn lenkt und leitet, tadelt und ermahnt, der ihm seine Verfehlungen vor Augen hält und ihn zur Umkehr ruft, der ihn zur Erkenntnis der Wahrheit führt und zum Tun des Guten anspornt, der sein oberster Herr und Richter ist.

Gewissen und Glaube

Newman geht noch weiter und gelangt zu der Auffassung, dass der Gehorsam gegenüber dem Gewissen das Herz des Menschen für den Glauben an die Offenbarung bereitet. In dem großartigen Vortrag „Voraussetzungen für den Glauben“ (1856) nennt er einige Argumente, die zu dieser Schlussfolgerung führen.

Wiederum geht er davon aus, dass das Gewissen eine autoritative Stimme ist, die den Menschen unerbittliche Befehle erteilt. Diese Befehle verlangen von ihnen Gehorsam. Der Gehorsam aber ist genau jene innere Haltung, die es den Menschen leicht macht, die Wahrheit der Offenbarung im Glauben anzunehmen. „Da sie mit Gehorsam beginnen, schreiten sie weiter zu einem vertrauten Erfassen des Einen Gottes und zum Glauben an Ihn. Seine Stimme in ihnen legt Zeugnis ab für Ihn, und sie glauben Seinem eigenen Selbstzeugnis… Das ist also der erste Schritt in diesen guten Voraussetzungen, die zum Glauben an das Evangelium führen“[8]. Demut und Gehorsam sind Grundhaltungen des religiösen Menschen. Wer den Gehorsam in der Fügsamkeit gegenüber der Stimme des Gewissens einübt, wird sich nicht schwer tun, im Gehorsam des Glaubens die Offenbarung anzunehmen. Warum konnte die Purpurhändlerin Lydia die Verkündigung des heiligen Paulus so rasch annehmen als die erste Europäerin, die zum Glauben fand (vgl. Apg 16,14)? Für Newman ist die Antwort klar: Weil sie gottesfürchtig lebte und schon gelernt hatte, der Stimme Gottes im Gewissen zu gehorchen. Der Zusammenklang zwischen dieser inneren Stimme und der Predigt des Apostels machte es ihr leicht, den christlichen Glauben gehorsam anzunehmen.

In einem zweiten Hinweis legt Newman dar, dass die Stimme des Gewissens zwar herrisch und befehlend ist, jedoch nicht selten leise und undeutlich spricht. Oft ist es für die Menschen schwer, die Aufrufe des Gewissens von dem zu unterscheiden, was von den Leidenschaften, vom Stolz und von der Eigenliebe kommt. „So weckt die Gabe des Gewissens ein Verlangen nach etwas, was es selbst nicht gänzlich zu bieten vermag. Es flößt ihnen die Idee von einer autoritativen Führung, von einem göttlichen Gesetz ein und das Verlangen, es in ganzer Fülle, nicht in Bruchstücken oder indirekter Eingebung zu besitzen. Es weckt in ihnen einen Durst, eine Ungeduld nach der Erkenntnis jenes unsichtbaren Herrn, Lenkers und Richters, der einstweilen nur im Verborgenen zu ihnen spricht, der leise zu ihrem Herzen redet, der ihnen etwas sagt, aber nicht annähernd so viel, wie sie wünschen und brauchen… Das ist die Definition, möchte ich sagen, jedes religiösen Menschen, der von Christus nichts weiß; er hält Ausschau“[9]. Die Gewissensbefehle sind oft unklar und lassen deshalb den Menschen Ausschau halten. Sie wecken in ihm das Verlangen nach einer klaren und sicheren Orientierung, die von Gott kommt und nicht dem Einfluss der Sünde und des Irrtums unterworfen ist.

Noch ein anderer Gedanke führt Newman zu derselben Schlussfolgerung. „Je mehr einer seinem Gewissen zu gehorchen sucht, desto mehr ist er beunruhigt über sich selbst, weil sein Gehorsam so unvollkommen ist. Sein Pflichtgefühl vertieft sich und sein Schuldbewusstsein verfeinert sich, und er wird mehr und mehr verstehen, wie viel ihm vergeben werden muss. Aber während er so in der Selbsterkenntnis wächst, versteht er dann auch mit wachsender Klarheit, dass die Stimme des Gewissens nichts Sanftes, nichts von Erbarmen in ihrem Klang hat. Sie ist streng, ja sogar hart. Sie spricht nicht von Verzeihung, sondern von Strafe. Sie verweist ihn auf ein künftiges Gericht, sagt ihm jedoch nicht, wie er ihm entgehen könne“[10]. Das Gewissen ist ein strenger Meister. Es hält uns unerbittlich unsere Sünden vor Augen, kann uns aber nicht von dieser Last befreien. So weckt es in uns die Sehnsucht nach dem wahren Frieden und nach der Versöhnung mit Gott. Diese Sehnsucht findet erst in der Botschaft vom Erlöser, der uns durch sein Opfer mit Gott versöhnt hat, ihre eigentliche und endgültige Erfüllung.

Selbstverständlich weiß Newman um den wesentlichen Unterschied zwischen Gewissen und Glaube. Zugleich hält er an der Überzeugung fest, dass der Gehorsam gegenüber dem uns geschenkten Licht der Weg zur Erlangung größeren Lichtes ist. „Folget nur eurem eigenen Sinn für das Recht und durch eben diesen Gehorsam gegen euren Schöpfer werdet ihr dem Befehl des natürlichen Gewissens gemäß zu der Überzeugung von der Wahrheit und Macht jenes Erlösers hinfinden, der euch eine Botschaft vom Himmel geoffenbart hat“[11]. Aus eigener Erfahrung kann Newman bezeugen, „dass der Gehorsam gegen das Gewissen zum Gehorsam gegen das Evangelium führt, dass dieses also nur die Erfüllung und Vollendung jener Religion ist, die das natürliche Gewissen lehrt“[12].

Der Gehorsam gegenüber dem Gewissen bereitet das Herz für den Glauben an die besondere Offenbarung Gottes vor. Diese wiederum reinigt und erleuchtet das Gewissen. In der Heiligen Schrift, so schreibt Newman in jungen Jahren, wird der Mensch „alle jene undeutlichen Vermutungen und unvollkommenen Ansichten über die Wahrheit, die sein eigenes Herz ihn lehrte, reichlich bestätigt, ergänzt und beleuchtet finden“[13]. Durch die gläubige Annahme der Offenbarung wird aus dem Gewissen ein vom Glauben informiertes und am Glauben orientiertes Gewissen. Die geoffenbarte Wahrheit erleuchtet das Gewissen und macht es fähiger, leichter sichere Urteile in konkreten Umständen zu fällen und den Alltag entsprechend dem Evangelium zu gestalten. Aus diesem Grund unterscheidet sich das christliche Gewissen qualitativ vom Gewissen eines Menschen, der die Offenbarung nicht kennt, wenngleich es der Anlage nach dasselbe ist und bleibt.

Gewissen und Kirche

Schließlich können wir mit Newman noch einen Schritt wagen, der in der inneren Logik seines Lebensweges und seiner Gedankenführung begründet ist. Der Gehorsam gegenüber dem Gewissen führt den Menschen zum Glauben an Gott und an den Erlöser und weckt in seinem Herzen eine Sehnsucht, die zur Fülle der Wahrheit in der einen Kirche Christi drängt.

Die sittlichen Grundhaltungen, die dem Gehorsam gegenüber dem Gewissen entspringen, bilden nach Newman ein „organum investigandi…, das uns zur Gewinnung der religiösen Wahrheit gegeben wurde und das den Geist in einer unfehlbaren Reihenfolge von der Verwerfung des Atheismus zum Theismus zu führen vermag, und vom Theismus zum Christentum, und vom Christentum zur evangelischen Religion, und von dieser zum Katholizismus“[14]. In seiner „Apologia pro vita sua“ schreibt Newman die kühnen Worte: „Ich kam zu der Schlussfolgerung, dass es in der wahren Philosophie kein Mittelding zwischen Atheismus und Katholizismus gibt und dass sich vollkommen konsequenter Geist unter den Umständen, in denen er hier lebt, entweder zum einen oder zum andern bekennen muss. Und daran glaube ich jetzt noch: Ich bin Katholik aufgrund meines Glaubens an einen Gott. Und wenn ich gefragt werde, warum ich an einen Gott glaube, so gebe ich zur Antwort: Weil ich an mich selbst glaube. Denn für mich ist es unmöglich, an meine eigene Existenz zu glauben (und dessen bin ich ganz sicher), ohne auch an die Existenz dessen zu glauben, der als ein persönliches, allwissendes und gerechtes Wesen in meinem Gewissen lebt“[15].

Die wichtigsten Aussagen Newmans zum Thema Gewissen und Kirche sind in dem schon erwähnten „Brief an den Herzog von Norfolk“ enthalten. In dieser Schrift weist er den Vorwurf zurück, Katholiken könnten nach der Verkündigung des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit keine treuen Staatsbürger mehr sein, weil sie ihr Gewissen an den Papst abgeben müssten. In meisterhafter Weise legt Newman das Verhältnis zwischen der Autorität des Gewissens und der Autorität des Papstes dar.

Die Autorität des Papstes gründet in der Offenbarung, die Gott aus Güte geschenkt hat. Gott hat seine Offenbarung der Kirche anvertraut und sorgt dafür, die sie in der Kirche und durch die Kirche unfehlbar bewahrt, ausgelegt und weitergegeben wird. Wenn jemand diese Sendung der Kirche im Glauben angenommen hat, befiehlt ihm niemand anderer als sein eigenes Gewissen, auf die Kirche und auf den Papst zu hören. Deshalb kann Newman sagen: „Spräche der Papst gegen das Gewissen im wahren Sinne des Wortes, dann würde er Selbstmord begehen. Er würde sich den Boden unter den Füßen wegziehen. Seine eigentliche Sendung besteht darin, das Sittengesetz zu verkünden und jenes ‚Licht‘ zu schützen und zu stärken, ‚das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt‘. Auf das Gewissen und seine Heiligkeit gründet sich sowohl seine Autorität in der Theorie wie auch seine tatsächliche Macht… Der Kampf für das Sittengesetz und für das Gewissen ist seine raison d’etre. Die Tatsache seiner Sendung ist die Antwort auf die Klagen jener, welche die Unzulänglichkeit des natürlichen Lichtes fühlen; und die Unzulänglichkeit jenes Lichtes ist die Rechtfertigung seiner Sendung“[16]. Wir gehorchen dem Papst nicht, weil jemand uns dazu nötigt, sondern weil wir persönlich im Glauben davon überzeugt sind, dass der Herr durch ihn – und durch die Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm – die Kirche leitet und in der Wahrheit erhält.

Das gläubige Gewissen führt zum mündigen Gehorsam gegenüber dem Papst. Kirche, Papst und Bischöfe wiederum erleuchten das Gewissen, das eine klare Orientierung und Ergänzung braucht. „Der Sinn für Recht und Unrecht, das erste Element in der Religion, ist so zart, so sehr Zufällen unterworfen, so leicht verwirrt, verdunkelt und verkehrt, so subtil in seiner Art zu argumentieren, so beeindruckbar durch die Erziehung, so von Stolz und Leidenschaft geleitet, so unstet in seinem Laufe, dass bei dem Kampf ums Dasein inmitten der verschiedenen Tätigkeiten und Triumphe des menschlichen Geistes dieser Sinn zugleich der höchste und doch der wenigst deutliche aller Lehrer ist, und die Kirche, der Papst, die Hierarchie sind nach dem Plane Gottes die Abhilfe für ein dringendes Bedürfnis“[17]. Die Kirche ist in dieser Hinsicht nicht nur für das Gewissen des Einzelnen eine große Hilfe. Sie leistet auch einen unersetzlichen Dienst für die Gesellschaft, da sie Anwalt der unveräußerlichen Rechte und Freiheiten des Menschen ist. Diese Rechte und Freiheiten, die in der Würde des Menschen wurzeln, bilden die Grundlage der modernen Demokratien, können aber als solche nicht demokratischen Mehrheitsregeln unterworfen sein. Wenn die Kirche an die einzigartige Würde der menschlichen Person, die von Gott erschaffen und von Christus erlöst wurde, sowie an deren grundlegende Rechte und Pflichten erinnert, erfüllt sie damit eine Sendung, die für die Gesellschaft von grundlegender Bedeutung ist.

Nach Newman kann das Gewissen nicht in eine direkte Kollision mit der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche kommen. Das Gewissen hat nämlich keine Kompetenz in Fragen der geoffenbarten Lehre, deren unfehlbare Hüterin die Kirche ist. Newman weiß, „dass in Sachen der Lehre die ‚Hoheit des Gewissens‘ nicht der entsprechende Gerichtshofs ist für das, was ich für eine gültige Aussage über den Gegenstand halten möchte“[18]. Ob jemand eine offenbarte und von der Kirche vorgelegte Lehre annimmt, ist primär nicht eine Frage der Gewissenhaftigkeit, sondern des Glaubens. Wer also meint, aus Gewissensgründen eine Glaubenswahrheit ablehnen zu müssen, kann sich nicht auf sein Gewissen berufen. Oder besser gesagt: Sein Gewissen ist nicht oder noch nicht vom Glauben erleuchtet. Das Gewissen des gläubigen Menschen ist aber ein vom Glauben durchformtes und kirchliches Gewissen.

Die Autorität der Kirche und des Papstes hat jedoch Grenzen. Sie hat nichts mit Willkür oder weltlichen Herrschaftsmodellen zu tun, sie ist untrennbar mit dem unfehlbaren Glaubenssinn des ganzen Volkes Gottes und der besonderen Sendung der Theologen verbunden. Die Autorität der Kirche reicht so weit, wie die Offenbarung reicht. Wenn der Papst Entscheidungen im Bereich der kirchlichen Ordnung, der Disziplin oder der Verwaltung trifft, beanspruchen solche Aussagen nicht, unfehlbar zu sein. Dies gilt noch mehr, wenn der Papst zu aktuellen Tagesfragen, etwa im Bereich der Politik, Stellung nimmt.

Der gläubige Mensch wird Entscheidungen und Aussagen solcher Art in der Regel aufmerksam hören und annehmen, um die Einheit der Kirche nicht zu gefährden. In Einzelfällen kann sein Gewissen jedoch in Fragen dieser Art zu einer Auffassung kommen, die nicht mit jener des Papstes übereinstimmt. Aber auch hier setzt Newman strenge Maßstäbe an: „Prima facie ist es seine strenge Pflicht, schon aus einem Gefühl der Loyalität, zu glauben, der Papst sei im Recht und handle entsprechend. Er muss jenen niedrigen, unedlen, selbstsüchtigen, vulgären Geist seiner Natur überwinden, der schon bei der ersten Kunde von einem Befehl sich sofort dem Vorgesetzten gegenüber, der ihn gibt, in Opposition setzt und fragt, ob jener nicht sein Recht überschreite, und Freude daran hat, in einer moralischen und praktischen Angelegenheit mit Skeptizismus zu beginnen. Er darf nicht eigensinnig dazu entschlossen sein, ein Recht zu beanspruchen, zu denken, zu sagen und zu tun, was ihm gerade beliebt, und die Frage nach Wahrheit und Irrtum, nach Recht und Unrecht, die Pflicht, wenn möglich zu gehorchen, und die Neigung, zu sprechen, wie sein Oberhaupt spricht, und in allen Fällen auf der Seite seines Oberhauptes zu stehen, nicht einfach beiseite schieben. Würde diese notwendige Regel beachtet, dann kämen Zusammenstöße zwischen der Autorität des Papstes und der Autorität des Gewissens nur sehr selten vor. Auf der anderen Seite haben wir schließlich in der Tatsache, dass das Gewissen jedes einzelnen in außergewöhnlichen Fällen frei ist, einen Garanten und eine Bürgschaft… dafür, dass kein Papst jemals imstande sein wird…, für seine eigenen Zwecke ein falsches Gewissen zu schaffen“[19].

Im „Brief an den Herzog von Norfolk“ schließt Newman seine Ausführungen über das Gewissen mit dem oft zitierten Trinkspruch ab: „Wenn ich genötigt wäre, bei den Trinksprüchen nach dem Essen ein Hoch auf die Religion auszubringen (was freilich nicht ganz das Richtige zu sein scheint), dann würde ich trinken – freilich auf den Papst, jedoch zuerst auf das Gewissen und dann auf den Papst“[20]. Dieses Wort, das Newman wohl mit einem Augenzwinkern formuliert hat, bedeutet vor allem, dass unser Gehorsam gegenüber dem Papst kein blinder, sondern ein vom gläubigen Gewissen gestützter Gehorsam ist. Wer im Glauben die Sendung des Papstes angenommen hat, wird ihm auch aus innerer Gewissensüberzeugung gehorchen. Insofern kommt tatsächlich zuerst das Gewissen, das vom Glauben erleuchtete Gewissen, und dann der Papst.

Newman hält konsequent an der gegenseitigen Zuordnung von Gewissen und Kirche fest. Man kann sich nicht auf ihn bzw. auf seinen Trinkspruch berufen, um die Autorität des Gewissens gegen die Autorität des Papstes zu stellen. Beide Autoritäten, die subjektive und die objektive, bleiben aufeinander angewiesen und aneinander gebunden: der Papst an das Gewissen und das Gewissen an den Papst.

Schlussbemerkung

Die Rede vom Gewissen ist im heutigen Sprachgebrauch vieldeutig geworden. John Henry Newman kann uns durch sein Leben und seine Lehre helfen, die wahre Bedeutung des Gewissens als Echo der Stimme Gottes neu zu erfassen und von unzureichenden Auffassungen abzugrenzen. Newman verstand es, die Würde des Gewissens voll zur Geltung zu bringen, ohne von der objektiven Wahrheit abzuweichen. Er würde nicht sagen: Gewissen ja! – Gott oder Glaube oder Kirche nein!, sondern vielmehr: Gewissen ja! – und gerade deswegen Gott und Glaube und Kirche ja! Das Gewissen ist der Anwalt der Wahrheit in unserem Herzen. Es ist „der ursprüngliche Statthalter Christi“.


[1] John Henry Newman, Sermon Notes, London 1913, 327. Eigene Übersetzung.

[2] John Henry Newman, Polemische Schriften, Mainz 1959, 163f.

[3] Ebd., 161.

[4] Ebd., 162.

[5] John Henry Newman, Entwurf einer Zustimmungslehre, Mainz 1961, 74.

[6] Ebd., 75.

[7] Ebd., 77.

[8] John Henry Newman, Predigten, X. Band, Stuttgart 1961, 84.

[9] Ebd., 85.

[10] Ebd., 86.

[11] John Henry Newman, Predigten, VIII. Band, Stuttgart 1956, 123.

[12] Ebd., 205.

[13] John Henry Newman, Predigten, I. Band, Stuttgart 1948, 244.

[14] Entwurf einer Zustimmungslehre, 349.

[15] John Henry Newman, Apologia pro vita sua, Illertissen 2010, 299f.

[16] Polemische Schriften, 165f.

[17] Ebd., 166.

[18] The Letters and Diaries of John Henry Newman, vol. XXIX, Oxford 1976, 388. Eigene Übersetzung.

[19] Polemische Schriften, 169.

[20] Ebd., 171.

vollständiger Text: Gewissen und Wahrheit in den Schriften des seligen John Henry Newman