GEISSLER H., “Liebe, das eine Notwendige”,

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Einige Gedanken von John Henry Newman. L’Osservatore Romano, dt. Wochenausgabe 7 (17 febbraio 2006) 11.

Papst Benedikt XVI. hat uns in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est dazu eingeladen, die christliche Liebe in ihrer einzigartigen Bedeutung neu zu entdecken. Die folgenden Gedanken von John Henry Newman, der am 21. Februar 1801, also vor genau 205 Jahren geboren wurde, wollen einige Aspekte zu diesem Thema, ausgehend von Predigten des großen englischen Konvertiten, in Erinnerung rufen.

Glaube und Liebe

Newman sprach immer wieder davon, daß wir zur Liebe geschaffen sind. „Wir lieben, weil es unsere Natur ist zu lieben; und es ist unsere Natur, weil Gott … sie zu unserer Natur gemacht hat“. Er unterstreicht, daß allein die Liebe dem Leben Sinn und Erfüllung zu geben vermag. „Unser wirkliches und wahres Glück besteht nicht im Wissen, Begehren oder Erstreben, sondern im Lieben, Hoffen, Sich-freuen, Bewundern, Verehren, Anbeten. Unser wirkliches und wahres Glück liegt im Besitz jener Dinge, in denen unser Herz Ruhe und Frieden finden kann“.

Obwohl Newman um die Vorrangstellung der Liebe weiß, predigt er häufiger über den Glauben als über die Liebe. Er ist davon überzeugt, daß der Glaube der Weg hin zur reifen christlichen Liebe ist. Glaube und Hoffnung sind wie zwei Wanderstäbe, die uns helfen, den Pfad der Liebe zu finden und auf diesem Pfad voranzuschreiten. „Die erste Tugend ist der Glaube, die letzte die Liebe; zuerst kommt der Eifer, danach kommt die Liebenswürdigkeit… Mögen wir alle Tugenden nach und nach in uns zur Reife bringen – in Furcht und Zittern, wachend und büßend, weil Christus kommt; freudig, dankbar und unbekümmert um die Zukunft, weil er schon da ist“.

Zugleich ist die Liebe die edelste aller Gaben Gottes, denn sie hört niemals auf. In dieser Hinsicht überragt sie, wie Newman in der Predigt „Glaube und Liebe“ aufzeigt, auch den Glauben und die Hoffnung. „Glaube und Hoffnung sind die Tugenden eines unvollkommenen Zustandes und hören mit ihm auf; die Liebe aber ist größer, weil sie Vollendung ist. Glaube und Hoffnung sind Tugenden, solange wir an diese Erde gebunden sind ? die vergänglich ist; die Liebe aber ist eine Tugend für uns als Geschöpfe Gottes, hienieden und überall, für uns als Teilhaber einer Erlösung, die ewig dauert. Glaube ist nicht mehr, wo Schau ist; noch Hoffnung, wo Besitz; aber die Liebe wird (wie wir glauben) in alle Ewigkeit wachsen“. Die Liebe hat kein Ende.

Die Liebe bildet zudem gleichsam den inneren Motor und die treibende Kraft aller anderen Tugenden. „Wir glauben an Gottes Wort, weil wir es lieben; wir erhoffen den Himmel, weil wir ihn lieben. Wir hätten weder Hoffnung darauf, noch Interesse daran, wenn wir ihn nicht liebten; wir würden auf den Gott des Himmels nicht vertrauen, noch uns auf ihn verlassen, wenn wir ihn nicht liebten“. Glaube und Hoffnung müssen also von der Liebe beseelt und durchdrungen sein, um Bestand haben zu können. Das Leben aus dem Glauben ist im Alltag nicht immer leicht. Manchmal fordert es den Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Immer verlangt es Mühe und Anstrengung. Manchmal verspüren wir jedoch eine Abneigung gegenüber dem, was mit Opfer und Selbstverleugnung verbunden ist. Auf die Frage, warum dies so ist, gibt Newman in der Homilie „Liebe, das eine Notwendige“ die verblüffend einfache Antwort: „Offensichtlich, weil es uns an Liebe gebricht“.

Schließlich führt die Liebe zum Ziel unserer irdischen Pilgerschaft. Newman verkündet, „daß der Glaube uns gerade über die Welt erheben kann, die Liebe jedoch bis an den Thron Gottes hinführt; daß der Glaube uns nur hellsichtig, die Liebe jedoch glückselig machen kann“. Echte Liebe macht eins ? vollkommen im Himmel und anfanghaft schon hier auf Erden. „Es ist die Liebe, in der der Vater und der Sohn in der Einheit des Heiligen Geistes eins sind; durch die die Engel im Himmel eins sind, durch die alle Heiligen mit Gott eins sind, durch die die Kirche eins ist auf Erden“. Einheit ist die Frucht der Liebe.

Liebe zum Nächsten

Kardinal Newman hatte eine Abneigung gegenüber einem einseitig theoretischen und sentimentalen Verständnis von Liebe. In seiner Ansprache „Verwandten? und Freundesliebe“ wendet er sich gegen jene, die viel von Liebe reden, aber die alltäglichen Pflichten vernachlässigen. Er nennt es eine Torheit, wenn manche „in großsprecherischer Art ihre allumfassende Liebe zum ganzen Menschengeschlecht anpreisen und sich als Freunde der gesamten Menschheit und dergleichen ausgeben. Wo laufen solche prahlende Bekenntnisse hinaus? Daß solche Menschen gewisse wohlwollende Gefühle gegen die Welt hegen – Gefühle und nichts mehr -; nichts mehr als unbeständige Gefühle, die bloße Ausgeburt einer ungezügelten Einbildung, die nur vorhanden sind, wenn das Gemüt beeindruckt ist, in der Stunde der Not aber sicher ausbleiben. Das heißt nicht, die Menschen lieben, sondern nur in Worten sich über Liebe ergehen“.

Echte Liebe zu den Menschen zeichnet sich dadurch aus, daß sie konkrete Taten setzt und beim Nächsten beginnt, bei dem, dessen Stärken und Schwachen, dessen Vorzüge und Eigenheiten nur zu gut bekannt sind. „Die wirkliche Menschenliebe muß aus der praktischen Übung erwachsen und muß daher mit dem Werke an unseren nächsten Freunden beginnen, sonst hat sie keinen Bestand. Das Bestreben, unsere Verwandten und Freunde zu lieben, die Geneigtheit gegenüber ihren Wünschen, auch wenn sie den unsrigen widerstreben, die Geduld mit ihren Schwächen, die Überwindung ihres gelegentlichen Wankelmutes durch freundliches Wesen, die Freude an ihren Vorzügen und der Versuch, sie nachzuahmen, das sind die Dinge, mit denen wir die Liebe gleich einer Wurzel in unsere Herzen einsenken, die, zwar klein am Anfang, doch zuletzt wie das Senfkorn sogar die Erde überschatten kann“. Newman ist der Überzeugung, daß „die Pflege der häuslichen Liebe“, also der Liebe zu Angehörigen, Freunden und Verwandten, „die Quelle der ausgedehnteren christlichen Liebe“ ist. Die Einordnung in eine konkrete Gemeinschaft und das Zusammenleben mit anderen Menschen fordert bewußte Akte der Hingabe und der Selbstverleugnung. Solche Akte machen die Liebe stark und beständig.

Als Beispiel gereifter Nächstenliebe verweist Newman auf den Apostel Johannes, der wie kein anderer die Liebe zur Herzmitte seines Lebens und Wirkens gemacht hat. „Begann er nun unter ungeheurer Mühe in großem Maßstab zu lieben? Nein, sondern er hatte das unaussprechliche Vorrecht, der Freund Christi zu sein. Dies war seine Schule der Nächstenliebe; zuerst sammelte sich seine Liebe in einem Brennpunkt, dann sandte sie ihre Strahlen aus. Zunächst hatte er die hohe und trostreiche Aufgabe, nach dem Hingang unseres Herrn für seine Mutter, die allerseligste Jungfrau, zu sorgen. Entdecken wir nicht hier die geheimen Quellen seiner besonderen Bruderliebe? Konnte er, dem der Heiland zuerst seine Liebe zugewandt und dem er dann die Stellung eines Sohnes zu seiner Mutter anvertraut hatte, etwas anderes sein als das lebendige Denkmal und das Musterbild (soweit ein Mensch es sein kann) einer tiefen, beschaulichen, stillruhenden und grenzenlosen Liebe?“.

Newman wandte sich häufig gegen religiöse Strömungen, die den Gefühlen eine zu große Rolle beimessen. Das bedeutet aber nicht, daß er eine gefühllose Liebe pflegte und verkündete. Im Gegenteil, in seinen Ausführungen über das „Mitgefühl, die Gabe des heiligen Paulus“ legt er dar, wie der Völkerapostel von einer herzlichen und mitfühlenden Liebe zu den Menschen erfüllt war und gerade dadurch ihre Herzen gewinnen konnte.

Paulus, der innig mit Christus verbunden lebte, war auch von einer tiefen menschlichen Liebe zu seinen Freunden und Mitarbeitern erfüllt. Er sehnte sich danach, sie zu sehen, er litt mit ihnen, er empfand Schmerz über die Untreue mancher von ihnen. Er zeichnete sich durch ein feines Einfühlungsvermögen aus. „Mit einem Wort: er, der besondere Künder der göttlichen Gnade, ist auch der besondere Freund und Vertraute der menschlichen Natur. Er, der uns das Geheimnis der höchsten göttlichen Ratschlüsse enthüllt, bekundet zu gleicher Zeit das zarteste Interesse an der Seele des einzelnen Menschen“.

In einem Brief an seinen anglikanischen Freund John Keble schreibt Newman: „Die erste Pflicht der Nächstenliebe besteht darin, zu versuchen, in den Geist und die Gefühle der anderen einzutreten“. Dies ist freilich nur möglich, wenn Ehrfurcht und Achtung den Umgang mit dem Nächsten beseelen. „Niemand liebt wirklich einen anderen, der nicht eine gewisse Ehrfurcht vor ihm fühlt. Wenn Freunde diese Beherrschtheit ihrer Zuneigung überschreiten, können sie zwar fortfahren, eine Zeitlang Kameraden zu sein, aber sie haben das einigende Band zerrissen. Es ist die gegenseitige Achtung, welche die Freundschaft dauerhaft macht“. Ehrfurcht gehört zum Wesen echter Liebe.

Liebe und Wahrheit

Newman deckte in seinen Ansprachen auch die Entstellung des Begriffs der Liebe durch den religiösen Liberalismus und Relativismus auf. Kennzeichnend dafür ist zum Beispiel seine Predigt „Toleranz gegen religiösen Irrtum“. Darin geht er von der allgemeinen Feststellung aus, daß wir das rechte Maß verlieren, wenn wir uns selbst und nicht Gott in den Mittelpunkt stellen. „Mögen wir noch so himmlisch gesinnt sein, noch so liebevoll, noch so heilig, noch so eifrig, noch so tatkräftig, noch so friedlich, wenn wir jedoch für einen Augenblick von ihm weg und auf uns selbst schauen, dann verfallen alsbald diese hervorragenden Eigenschaften in irgendein Zuviel oder Zuwenig. Liebe wird zu übergroßer Nachgiebigkeit, Frömmigkeit wird mit geistigem Stolz befleckt, Eifer artet in Ungestüm aus, Aktivitat verschlingt den Gebetsgeist, Hoffnung versteigt sich zur Vermessenheit“.

Nach Newman ist es verhältnismäßig leicht, einzelne Tugenden zu pflegen, vor allem dann, wenn sie im Trend der Zeit liegen. Eine solche relativ leicht zu übende Tugend ist die Toleranz im Umgang mit anderen Menschen. Viele halten diese edle Tugend hoch, die für das friedliche Zusammenleben unentbehrlich ist. Sie vernachlässigen aber manchmal die damit komplementäre Tugend, die Festigkeit in den Prinzipien, und neigen deshalb dazu, nicht nur den Irrenden, sondern auch den Irrtum zu tolerieren. Im Apostel Johannes sind respektvolle Liebe zu den Menschen und Eifer für die Wahrheit beispielhaft miteinander verbunden. Darum stellt ihn Newman den Christen als Vorbild vor Augen. „So wenig widersprechen seine Liebesglut und Liebesfülle seinem Eifer für Gott, daß er …, je mehr er die Menschen liebte, um so mehr ihnen die großen, unveränderlichen Wahrheiten kundzumachen wünschte, denen sie sich unterwerfen müssen, wenn sie das Leben sehen möchten, und vor denen eine schwache Nachgiebigkeit sie ihre Augen schließen läßt. Er liebte die Brüder, aber er liebte sie ‚in der Wahrheit‘ (3 Joh 1). Er liebte sie um der lebendigen Wahrheit willen, die sie erlöst hatte, um der Wahrheit willen, die in ihnen war, um der Wahrheit willen, die das Maß für ihre übernatürliche Belohnung war. Er liebte die Kirche so aufrichtig, daß er gegen jene streng war, die sie beunruhigten. Er liebte die Welt so weise, daß er die Wahrheit in ihr verkündigte. Wenn jedoch die Menschen sie verwarfen, dann liebte er sie nicht so ungeordnet, daß er den Vorrang der Wahrheit als des Wortes dessen, der über allem ist, vergaß“. Liebe und Wahrheit bilden keine Gegensätze, sondern bedingen einander: Wahrheit ohne Liebe ist kalt und hart, Liebe ohne Wahrheit ist blind und führt zur Auflösung der Prinzipien.

Realistisch sah Newman, daß es zu seiner Zeit viele gab, die Johannes in seiner Freundlichkeit folgten, aber wenige, die seinen Glaubenseifer in sich trugen. Er klagte, daß diese Christen ein zu menschliches Bild von Gott und von der Kirche haben. Darum ist es – wie er ausführt – nicht außergewöhnlich, „daß sie ihre Lenden entgürten und verweichlicht werden. Kein Wunder, daß ihre ideale Vorstellung von einer vollkommenen Kirche eine Kirche ist, die jeden seinen Weg gehen läßt und auf jedes Recht verzichtet, eine Ansicht zu äußern, erst recht einen Urteilsspruch über religiösen Irrtum zu verhängen“.

Diese vom religiösen Liberalismus geprägte Auffassung der Liebe ist nach Newman nicht mit der biblischen Offenbarung zu vereinbaren. Er ruft seine Zuhörer auf: „Hier nun liegt unsere Not heutzutage, darum müssen wir beten, daß eine Erneuerung kommen möge in dem Geist und in der Kraft des Elia. Wir müssen Gott bitten, Er möge so ’sein Werk im Lauf der Jahre erneuern‘ (Hab 3,2); uns eine strenge Zucht senden, die Losung des heiligen Paulus und des heiligen Johannes, nämlich ‚die Wahrheit in Liebe zu künden‘ (Eph 4,15) und ‚zu lieben in der Wahrheit‘ (3 Joh 1) … Dann nur sind die Christen erfolgreich im Kampf, wenn sie … inmitten von Festigkeit, Strenge und Heiligkeit Liebe üben“.

Liebe und Gnade

Alles oberflächliche Gerede über die Liebe war Newman zuwider. Er verwies oft darauf, daß nur jene in die echte christliche Liebe hineinreifen, die sich im guten Kampf eines jeden Tages darum bemühen und die große Gabe der Liebe in Demut von Gott erflehen. Denn nur die Gnade, die uns in der Taufe bereits anfanghaft geschenkt ist, bringt die Liebe in unseren Herzen zur vollen Entfaltung.

Darum betet Newman: „Mein Gott, du weißt unendlich besser als ich, wie klein meine Liebe ist. Ich kann dich überhaupt nicht lieben, außer mit deiner Gnade. Deine Gnade hat die Augen meines Geistes aufgetan und sie befähigt, deine Herrlichkeit zu schauen. Deine Gnade hat mein Herz berührt und es für die Einwirkung dessen, was so wunderbar schön und erhaben ist, bereitet. Wie könnte ich dich nicht lieben, o mein Gott, es sei denn, daß eine schreckliche Verkehrtheit mich hindert, dich zu sehen? Was ist mir so nahe wie du, mein Gott? Und doch stören die Dinge und Freuden dieser Erde deinen Anblick, wenn deine Gnade nicht hilft. Behüte du meine Augen und Ohren und mein Herz vor dieser unwürdigen Tyrannei! Löse die Bande, wecke auf mein Herz! Halte mein ganzes Sein fest in dir! Laß mich dein Angesicht nie aus den Augen verlieren! Und während mein Blick in dir ruht, laß meine Liebe zu dir wachsen, täglich mehr!“.