Die Sendung der Christen in der Welt nach John Henry Newman

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Wir wissen schon aus der gewöhnlichen Lebenserfahrung, dass die halbe Wahrheit oft die gröbste und verderblichste Lüge ist. J. H. Newman

P. Dr. Hermann Geißler FSO

 

Der selige John Henry Newman (1801-1890) war zutiefst von der Licht bringenden Kraft des Glaubens an Jesus Christus überzeugt. Er wusste um die eindrucksvollen Entwicklungen seines Jahrhunderts, er hatte ein waches Auge für den Fortschritt in der Gesellschaft, er nutzte die Mittel dieser Welt. Zugleich rief er die Gläubigen immer wieder dazu auf, sich nicht vom Geist der Welt anstecken zu lassen. „In der Welt“, aber „nicht von der Welt“ lebend, sollten sie Christus, ihrem Herrn und Meister, nachfolgen (vgl. Joh 17,14-16). In vielen Predigten legte Newman den Christgläubigen dar, worin ihre spezifische Sendung in der Welt besteht, welche Versuchungen sie zu überwinden haben und welche geistlichen Hilfen ihnen geschenkt sind. In den folgenden Überlegungen greifen wir auf drei Predigten aus der anglikanischen Zeit Newmans zurück, die nichts von ihrer Tiefe und Aktualität verloren haben und auch uns Christen des 21. Jahrhunderts Orientierung und Wegweisung bieten.

 

  1. In der Welt

 

Am 1. November 1836 hielt Newman eine Predigt über die „Verherrlichung Gottes im weltlichen Beruf“[1]. In dieser Ansprache geht er davon aus, dass die meisten Christen einen weltlichen Beruf ausüben und die Sendung haben, Gott zu verherrlichen, „nicht außerhalb des Berufes, sondern in ihm und mit seiner Hilfe[2].

 

Nach Newman gilt es, bei der Erfüllung dieser Sendung zwei Gefahren im Auge zu behalten: Die eine besteht darin, den eigenen Beruf aus bloß weltlichem Geist zu lieben und in der Welt aufzugehen. Newman ist der Überzeugung, dass diese Haltung leider in der modernen Gesellschaft dominant ist: „Ich meine jenen Geist der Ehrsucht, um ein starkes Wort zu gebrauchen, aber ich wüsste kein anderes, um meine Ansicht auszudrücken – jene niedrige Ehrsucht, die einen jeden dazu treibt, nach Erfolg und Aufstieg im Leben zu trachten, Geld aufzuhäufen, Macht zu gewinnen, seine Nebenbuhler an die Wand zu drücken… es ist eine wilde, rastlose, ruhelose, nimmermüde, nimmersatte Jagd nach dem Mammon in der einen oder anderen Form, unter Ausschluss aller tiefen, aller heiligen, aller stillen, aller ehrfürchtigen Gedanken“[3]. Eine solche Haltung macht die Menschen zu Sklaven dieser Welt, zu Anbetern von Götzen, vor allem zu Verehrern des Reichtums, den Jesus „Mammon“ nennt.

 

Newman warnt aber auch vor einer anderen Versuchung, nämlich vor einer Weltflucht, die ebenso unchristlich ist. Der Prediger von Oxford beschreibt diese falsche Haltung eines Christen mit folgenden Worten: „Er weiß, dass er nach dem Ausdruck der Schrift eine geistliche Gesinnung haben muss, und stellt sich vor, er müsse, um eine geistliche Gesinnung zu besitzen, unbedingt allen Eifer und alle Rührigkeit in seinen weltlichen Beschäftigungen aufgeben, müsse bekennen, kein Interesse daran zu haben, müsse die natürlichen und gewöhnlichen Freuden des Lebens verachten, indem er die gesellschaftlichen Sitten verletze, eine Trauermiene aufsetze und eine gedämpfte Stimme sich zulege, schweigend und unbeteiligt bleibe, wenn er unter seinen natürlichen Freunden und Verwandten ist, gleich als spräche er zu sich selbst: ‚Ich habe viel zu hohe Gedanken, als dass ich mich auf diese vergänglichen, armseligen Dinge einlassen könnte‘“[4]. Die Ausrichtung auf das Ewige darf nicht dazu führen, dass die Gläubigen ihre Verantwortung in der Welt gering achten, ein unnatürliches oder verschrobenes Leben führen oder gar ihre irdischen Pflichten vernachlässigen.

 

Die richtige Haltung der Christen besteht darin, ihren Beruf als „Weg zum Himmel“[5] zu sehen und Gott gerade durch die treue Pflichterfüllung in ihrer täglichen Arbeit zu verherrlichen. „Alles, was wir auch tun, können wir zur Ehre Gottes tun; alles können wir mit Eifer tun, als für den Herrn, nicht für Menschen, sowohl in Tätigkeit wie in Besinnlichkeit“[6]. Um die Gläubigen in dieser Haltung zu bestärken, stellt Newman ihnen einige geistliche Hilfen und konkrete Ratschläge vor Augen.

 

Er zitiert zuerst das Pauluswort, mit dem er die ganze Predigt überschrieben hat: „Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: Tut alles zur Verherrlichung Gottes!“ (1 Kor 10,31). Von diesem Wort leitet er ab, dass alles zur Verherrlichung Gottes verrichtet werden kann, auch und gerade das scheinbar Geringe und Unbedeutende. Ja, der Christ kann sogar Schwierigkeiten und Rückschläge im Beruf zur Ehre Gottes annehmen und ertragen: „Mit Freuden will ich also eine Unannehmlichkeit begrüßen, die mich prüft, ohne dass jemand darum weiß. Ohne im Geringsten zu murren, will ich mich mit Gottes Gnade heiter an das heranmachen, was ich nicht mag. Ich will mich selbst verleugnen. Ich weiß, dass mit seiner Hilfe alles, was an sich weh tut, so zur Freude wird, ist es doch für ihn getan. Ich weiß gut, dass es keinen Schmerz gibt, der nicht starkmütig getragen werden könnte im Gedanken an ihn, mit seiner Hilfe und festen Willens; nein, keinen gibt es, der mir nicht Ruhe und Tröstung schenken könnte“[7]. Das Verrichten der täglichen Arbeit und das Annehmen der damit verbundenen Mühen zur Ehre Gottes verleiht dem Gläubigen inneren Frieden, Gelassenheit und Zuversicht.

 

Der Christgläubige wird weiter danach streben, im Beruf „sein Licht vor den Menschen leuchten zu lassen“. Er wird in seinem Herzen sprechen: „Meine Eltern, mein Meister, mein Arbeitgeber, sie sollen nie sagen, die Religion habe mich verdorben. Sie sollen sehen, dass ich rühriger und eifriger bin als zuvor. Ich will pünktlich und aufmerksam sein und eine Zierde für das Evangelium Gottes, unseres Heilandes. Meine Kameraden sollen nie Grund haben, mich zu verlachen, als täuschte ich religiöse Empfindungen vor. Nein, ich will kein Heuchler sein. Männlich will ich mit Gottes Segen meine Pflicht tun…!“[8]. Durch Fleiß, Treue und Ehrlichkeit bei der Arbeit gibt der gläubige Mensch ein lichtvolles Zeugnis für das Evangelium.

 

Ich bin berufen, etwas zu tun oder zu sein, wofür kein anderer berufen ist. Newman

Newman erwähnt auch, dass Christus selber viele Jahre lang gearbeitet hat, mehrere Apostel vor ihrer Berufung Fischer waren und Paulus auch nach seiner Bekehrung Zeltmacher blieb. Er sagt dem Christen, „dass, so wie Christus in den Armen sichtbar ist, in den Verfolgten und in den Kindern, er auch in jedweder Beschäftigung, die er seinen Erwählten auferlegt, zu sehen ist; dass er Christus begegnet in der Ausübung seines Berufes; dass er keineswegs Christi Gegenwart desto mehr verkostet, je mehr er den Beruf vernachlässigt, sondern gerade, indem er ihn ausübt, inmitten der gewöhnlichen alltäglichen Handlungen, die Offenbarung Christi an seiner Seele wie durch eine Art Sakrament erfährt“[9]. Hier beschreibt Newman die tägliche Arbeit sogar als eine gewisse „sakramentale“ Wirklichkeit, weil der Mensch darin auf besondere Weise Christus, dem Arbeiter begegnen kann.

 

Zudem spricht Newman von der Demut, die Jesus gepredigt und vorgelebt hat und die seine Jünger anspornt, ihre Pflichten bereitwillig zu erfüllen. Das Vorbild des Meisters „übt seine Wirkung auf den Christen aus, und er macht sich an seine Aufgabe mit Lust, und ohne einen Augenblick zu zögern, froh, sich selbst erniedrigen zu können und die Gelegenheit zu haben, sich mit einer Lebenslage vertraut zu machen, die unser Herr besonders preist“[10]. In der Arbeit können wir die Demut und Dienstbereitschaft Jesu in vielfältiger Weise nachahmen. Demut fällt uns Menschen in der Regel nicht leicht, aber sie macht uns froh, liebenswürdig und vor allem christusförmig.

 

Schließlich ist der weltliche Beruf nach Newman auch ein Mittel, „sich von eitlen und unnützen Gedanken fernzuhalten. Ein Grund, warum das Herz auf Böses sinnt, liegt darin, dass ihm die Zeit dazu gelassen ist. Der Mann, der seine täglichen Pflichten hat, der sich seine Zeit Stunde für Stunde einteilt, bewahrt sich vor einer Menge von Sünden, denn es fehlt diesen die Zeit, Herrschaft über ihn zu gewinnen“[11]. Mit Recht sagt ein Sprichwort, das Newman zitiert: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“.

 

Zusammenfassend unterstreicht Newman, dass es darauf ankommt, „diese Welt zu gebrauchen, ohne sie zu missbrauchen, rührig und fleißig zu sein in den Angelegenheiten dieser Welt, jedoch nicht um dieser Welt willen, sondern um Gottes willen“[12]. In dieser Haltung auszuharren, bleibt für den Gläubigen eine große Herausforderung. Darum betet Newman zum Abschluss seiner Predigt: „Möge Gott uns die Gnade geben, in den verschiedenen Bereichen und Stellungen seinen Willen zu tun und seine Lehre zu verherrlichen; auf dass wir, mögen wir essen und trinken, fasten und beten, mit der Hand arbeiten oder mit dem Geist, auf Reisen sein oder stille sitzen, ihn verherrlichen, der uns mit seinem eigenen Blut erkauft hat!“[13].

 

Mitten in den Aufgaben des Berufs und der Gesellschaft Gott verherrlichen: Darin sieht Newman die eigentliche Weltzuwendung der Christen.[14] Das II. Vatikanische Konzil hat in der dogmatischen Konstitution Lumen gentium ausführlich zum Stand der christgläubigen Laien Stellung genommen. Ihre Sendung in der Welt – so lehrt das Konzil – besteht vor allem darin, „alle zeitlichen Dinge, mit denen sie eng verbunden sind, so zu durchleuchten und zu ordnen, dass sie immer Christus entsprechend geschehen und sich entwickeln und zum Lob des Schöpfers und Erlösers gereichen“ (Nr. 31). Die Anregungen Newmans könnten helfen, diese Worte im beruflichen Alltag konkret umzusetzen.

 

  1. Nicht von der Welt

 

Auch wenn die Christen ihre Sendung in der Welt zu erfüllen haben, so sind sie doch nicht von der Welt. In diesem Zusammenhang warnt Newman in vielen Ansprachen vor einer Anpassung der Christen an die Mentalität dieser Welt. Häufig spricht er von der Versuchung zu einem verweltlichten Christentum – eine Gefahr, auf die auch Papst Franziskus in seinen Predigten und Verlautbarungen immer wieder hinweist. „Die spirituelle Weltlichkeit“, so sagt der Heilige Vater im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium, „die sich hinter dem Anschein der Religiosität und sogar der Liebe zur Kirche verbirgt, besteht darin, anstatt die Ehre des Herrn die menschliche Ehre und das persönliche Wohlergehen zu suchen“ (Nr. 93).

 

Am 26. August 1832 – Newman war damals erst 31 Jahre alt – hielt er zu diesem Thema eine Predigt, die er mit den Worten überschrieb: „Die Religion des Tages“[15]. Damit meint er eine selbstgemachte Religion, bei der die Menschen jene Elemente aufgreifen, die gerade modern sind und ihnen gefallen, andere Aspekte, die ihnen weniger zusagen oder dem herrschenden Denken widersprechen, aber einfach ablehnen oder ignorieren. Ein solches Christentum à la carte, das Newman auch als „Religion der Welt“ bezeichnet, enthält viel Wahres, aber nicht die ganze Wahrheit: „Wir wissen aber schon aus der gewöhnlichen Lebenserfahrung, dass die halbe Wahrheit oft die gröbste und verderblichste Lüge ist“[16]. Hinter der „Religion der Welt“, hinter der spirituellen Weltlichkeit sieht Newman letztlich den Widersacher, den „Vater der Lüge“ (Joh 8,44).

 

Nach Newman gab es eine solche „Religion der Welt“ in allen Epochen der Kirchengeschichte, auch wenn sie im Laufe der Zeit verschiedene Gesichter angenommen hat. In den ersten christlichen Jahrhunderten „stellte der Teufel eine Gegenreligion unter den Philosophen des Tages auf, zum Teil dem Christentum ähnlich, aber in Wahrheit seine erbitterte Gegnerin“[17]. Hier ist offensichtlich die Gnosis gemeint, die das Christentum lange Zeit bedrohte und heute in der „New Age“ – Bewegung von neuem aktuell wird. In späteren Zeiten ersann der Teufel ein anderes Trugbild, welches das Christentums zu einer „Religion der Furcht“ entstellte: Man sah nur „die dunklere Seite des Evangeliums“, die von Gottes Souveränität und Gerechtigkeit spricht, und vergaß die andere Seite, nämlich seine Liebe und Barmherzigkeit: „Die Religion der Welt war damals eine furchtbare Religion“, in der christliche Grundhaltungen „durch Schreckgespenster … mit düsterem Blick und stolzer Stirn“ verdrängt wurden[18].

 

Nach diesem kurzen historischen Rückblick stellt Newman die Frage, welches Gesicht die „Religion der Welt“ in seiner Zeit angenommen hat. Er antwortet: „Sie hat die lichtere Seite des Evangeliums angenommen – seine Botschaft des Trostes, seine Vorschriften der Liebe; dagegen sind alle dunkleren, tieferen Einblicke in des Menschen Lage und Zukunft ziemlich vergessen. Das ist die Religion, die für ein zivilisiertes Zeitalter natürlich ist, und geschickt hat sie Satan in ein Trugbild der Wahrheit gekleidet und ausgeschmückt. Wenn die Vernunft ausgebildet wird, der Geschmack geformt ist und die Neigungen und Gefühle verfeinert sind, wird natürlich eine allgemeine Anständigkeit und Anmut sich über das Antlitz der Gesellschaft verbreiten, ganz unabhängig vom Einfluss der Offenbarung“[19].

 

Fürchte nicht, daß dein Leben enden wird, sondern fürchte lieber, daß es nie beginnen wird. J. H. Newman

 

Wie Newman ausführt, werden in dieser modernen „Religion der Welt“ die natürlichen Tugenden gepflegt, feines Benehmen wird geschätzt, die Liebe zum Schönen und der Sinn für Schicklichkeit sind hoch angeschrieben, gewisse Laster werden missbilligt. Aber Gott und die ganze Welt des Übernatürlichen spielen keine Rolle mehr, die Sünde wird banalisiert, die Wahrheit relativiert. Kurzum: Es handelt sich um eine selbstgemachte Religion, die von der Welt anerkannte Prinzipien akzeptiert, „aber eine ganze Seite des Evangeliums fallen lässt, nämlich seinen strengen Charakter“ – Bonhoeffer würde in diesem Zusammenhang von der „teuren Gnade“ sprechen – „und es als hinreichend ansieht, wohlwollend, höflich, offen, korrekt im Benehmen und zartfühlend zu sein; – obgleich diese Haltung keine wahre Gottesfurcht einschließt, keinen glühenden Eifer für seine Ehre, keinen tiefen Hass der Sünde…, keine eifernde Bindung an die wahre Lehre, keine besondere Empfindsamkeit in der Wahl der geeigneten Mittel, die zum Ziele führen, vorausgesetzt, dass die Ziele gut sind; keine Treue zur heiligen apostolischen Kirche, von der das Credo spricht, keinen Sinn für eine außerhalb des Geistes liegende Autorität der Religion: mit einem Wort, keine Ernsthaftigkeit, – eine Haltung, die daher weder heiß noch kalt, sondern (in der Sprache der Schrift) lau ist“[20].

 

Newman meint, dass sich diese „Religion der Welt“ ausgebreitet hat, „weil wir nicht aus Liebe zur Wahrheit gehandelt haben, sondern unter dem Einfluss der Zeit“[21]. Nicht wenige Gläubige haben das Kommen des Reiches Christi in der Praxis mit dem Fortschritt der menschlichen Zivilisation gleichgesetzt. Sie haben „die Wahrheit der Nützlichkeit geopfert“[22]. Sie gefallen deshalb auch skeptischen Geistern, fördern eine Art natürliche Religion und meinen, „dass alle Religion darin enthalten ist“[23]. Sie verkennen, dass es den Menschen von Natur aus unmöglich ist, ihre religiösen Pflichten zu erfüllen, dass alle Menschen in der Sünde gefangen sind und Gottes Gnade brauchen, um gerettet zu werden, dass Jesus vom schmalen Weg und vom engen Tor (vgl. Mt 7,14) gesprochen hat. Sie meinen, „dass wir uns nicht zu beunruhigen brauchen, dass Gott ein Gott des Erbarmens ist, dass Besserung vollauf genügt, um für unsere Übertretungen zu sühnen…, dass die Welt im Großen und Ganzen für die Religion viel übrig hat…, dass wir es mit unserem Ernst nicht übertreiben sollen, in Dingen der menschlichen Natur großzügig sein sollen und alle Menschen lieben sollen. Das ist tatsächlich zu allen Zeiten das Credo oberflächlicher Menschen…“[24].

Newman weiß, dass „Seelenfrieden, ein ruhiges Gewissen und ein heiteres Antlitz die Gabe des Evangeliums und das Kennzeichen eines Christen“ sind. Aber er fügt hinzu, dass die gleichen Wirkungen scheinbar „aus ganz verschiedenen Ursachen entstehen“ können: „Jona schlief im Sturm, – so auch unser Herr. Der eine schlief in einer sündhaften Sicherheit, der andere im ‚Frieden Gottes, der jeden Begriff übersteigt‘ (Phil 4,7). Die beiden Zustände können nicht miteinander vermengt werden, sie sind vollkommen verschieden; und so verschieden ist die Ruhe des Weltmenschen von jener des Christen“[25]. Viele Menschen unserer Tage leben wie Jona, der vor Gott floh, seine Schuld verdrängte und sich mit einem bloß scheinbaren Frieden begnügte. Eine solche Ruhe und ein solcher Frieden haben jedoch keinen Bestand.

 

Abschließend zeigt Newman, was zu allen Zeiten die richtige Antwort auf die Herausforderung durch die „Religion der Welt“ ist: die Synthese der verschiedenen Aspekte des christlichen Glaubens, die für das katholische Denken grundlegend ist. Entscheidend ist das Gottesbild, das sowohl Liebe als auch Ehrfurcht in unseren Herzen zu wecken vermag: „Die Furcht Gottes ist der Anfang der Weisheit; solange ihr nicht seht, dass er ein verzehrendes Feuer ist, und als Sünder ihm euch nicht mit Ehrfurcht und frommer Scheu naht, seid ihr nicht einmal in Sicht des schmalen Tores… Furcht und Liebe müssen Hand in Hand gehen: immer Furcht, immer Liebe bis zu unserem Sterbetag“[26].

 

Daraus folgen die Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit sowie das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit: „Solange ihr nicht die Schwere eurer Sünde kennt, und das nicht nur in der bloßen Einbildung, sondern in praktischer Erfahrung, das will heißen, nicht sie bloß in einer formelhaften Phrase der Klage, sondern täglich und verborgen in eurem Herzen bekennen, könnt ihr das Angebot des Erbarmens nicht ergreifen, das uns im Evangelium durch den Tod Christi dargereicht wird“[27].

 

Diese Haltungen führen die Gläubigen schließlich zur liebenden Hingabe an Gott und zum ernsthaften Mühen um das Gute: „Die Erkenntnis eurer Sünden wächst mit eurem Einblick in Gottes Barmherzigkeit durch Christus. Das ist der wahre christliche Zustand und die größte Annäherung an Christi ruhigen, friedlichen Schlaf während des Sturmes; nicht die vollkommene Freude und Gewissheit im Himmel, sondern eine tiefe Ergebung in Gottes Willen, die Auslieferung an ihn mit Leib und Seele; dass wir hoffen, gerettet zu werden, aber unsere Augen mit größerem Ernst auf ihn als auf uns richten; was da heißt, dass wir zu seiner Ehre handeln, ihm zu gefallen suchen; dass wir uns ihm weihen in allem männlichen Gehorsam und eifrigen guten Werken“[28].

 

Die Warnung Newmans von der „Religion der Welt“, die das Evangelium dem Zeitgeist anpasst und sich in einem lauen, oberflächlichen und bloß horizontalen Christentum ausdrückt, hat heute eine geradezu bestürzende Aktualität.[29] Nicht zufällig hat Benedikt XVI. die Kirche in seiner berühmten Rede im Konzerthaus in Freiburg (25. September 2011) zur „Entweltlichung“ aufgerufen, und Papst Franziskus führt dieses Programm entschieden weiter: „Wenn wir ohne das Kreuz gehen“, sagte der Heilige Vater am 14. März 2013 bei der Eucharistiefeier mit den Kardinälen am Tag nach seiner Wahl auf den Stuhl Petri, „wenn wir ohne das Kreuz aufbauen und Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich, wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn“.

 

  1. In der Nachfolge Christi

 

In einer Predigt vom 5. Februar 1843, die mit den Worten „Der Christ der apostolischen Zeit“[30] überschrieben ist, fragt Newman, wie die ersten Christen ihre spezifische Sendung in der Welt erfüllt haben. Dabei ist ihm bewusst, dass die Gläubigen heute die ersten Christen nicht einfach nachahmen können. Er lädt seine Hörer aber ein, auf das Bild des biblischen Christen zu schauen, um sich davon inspirieren zu lassen. Dabei zitiert er eine Fülle von Schrifttexten und verweist vor allem auf drei Eigenschaften, die für ihn so etwas wie Identitätsmerkmale der Jünger Jesu Christi darstellen.

 

Das erste Merkmal des biblischen Christen ist seine Ausrichtung auf den Himmel: „Der heilige Paulus sagt: ‚Unsere Heimat ist im Himmel‘ (Phil 3,20), oder mit anderen Worten: der Himmel ist unsere Stadt. Wir wissen, was es heißt, ein Bürger dieser Welt zu sein; es heißt in einer bestimmten Stadt oder in einem Staat Interessen haben, Rechte, Vorrechte, Pflichten, Verbindungen besitzen; es heißt, von ihnen abhängig sein, die Pflicht haben, sie zu verteidigen, ja ein Teil von ihnen sein. Dieses alles aber betrifft den Christen im Hinblick auf den Himmel. Der Himmel ist seine Stadt, nicht die Erde“[31]. Der Himmel aber hat einen Namen und ein Gesicht: Jesus Christus. Deshalb kann Newman fortfahren: „Das ist genau die Beschreibung des Christen: Einer, der nach Christus Ausschau hält – nicht einer, der nach Gewinn, nach Ehre, nach Macht, Vergnügen und Bequemlichkeit ausschaut, sondern ‚nach dem Heiland, dem Herrn Jesus Christus‘. Nach der Schrift ist also dies das Wesensmerkmal, das Urverhältnis des Christen, aus dem alles andere kommt“[32].

 

Aus dieser Grundausrichtung auf den Herrn Jesus Christus ergeben sich für Newman einige Haltungen, die den apostolischen Christen auszeichnen, vor allem seine Wachsamkeit, von der das Evangelium an vielen Stellen spricht, und seine Bereitschaft zum immerwährenden Gebet. „Mit einem Wort…: Christus wohnte in seinem Herzen, und daher atmete alles, was von seinem Herzen, von seinen Gedanken, Worten und Werken ausging, Christus“[33]. Newman fragt sich in diesem Zusammenhang, wie die christliche Religion beginnt, und antwortet schlicht und einfach: „mit der Hinwendung des Herzens von der Erde zum Himmel“[34].

 

Die innere Ausrichtung der Christen auf den Himmel fand nach außen hin in einem zweiten Identitätsmerkmal ihren Niederschlag: in ihrer Loslösung von den Dingen dieser Welt. Nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes waren die Christen „von der Nichtigkeit dieser Welt und von der Allwichtigkeit der anderen Welt“[35] überzeugt. Viele von ihnen verließen deshalb ihre Verwandten und Freunde, gaben ihren Besitz auf, opferten dem Herrn ihre teuersten Wünsche und waren bereit, um Jesu willen misshandelt, verleumdet und verfolgt zu werden. Zusammenfassend schreibt Newman: „Christen sind jene, die bekennen, dass sie die Liebe zur Wahrheit im Herzen tragen. Und wenn Christus sie fragt, ob ihre Liebe so groß ist, dass sie seinen Kelch trinken können und an seiner Taufe teilhaben, dann geben sie zur Antwort: ‚Wir können es‘ (Mk 10,39), und ihr Bekenntnis endet in einer wunderbaren Erfüllung. Sie lieben Gott und geben die Welt auf“[36].

 

Aus diesen beiden Eigenschaften ergibt sich nach Newman ein drittes Wesensmerkmal der ersten Christen: „dass sie sich freuten“[37]. Newman beschreibt diese umfassende christliche Freude mit herrlichen Worten: „Nicht nur ein reines Herz, eine saubere Hand, sondern als drittes, ein frohes Gesicht. Ich sage, Freude auf jegliche Weise, denn in der wahren Freude sind viele Gnaden eingeschlossen: freudige Menschen sind liebevoll, freudige Menschen sind versöhnlich, freudige Menschen sind wohltätig. Freude, die christliche Freude ist, die edle Freude der Abgetöteten und Verfolgten, macht die Menschen friedlich, heiter, dankbar, mild, liebevoll, gutherzig, gefällig, hoffnungsfroh; sie ist anmutig, zart, rührend, gewinnend. All das waren die Christen des Neuen Testamentes, denn sie hatten erlangt, was sie begehrten. Sie hatten begehrt, das Reich dieser Welt und all seinen Pomp zu opfern aus Liebe zu Christus, den sie sahen, den sie liebten, an den sie glauben, der ihre Wonne war“[38]. Diese Freude erfüllte die Christen der apostolischen Zeit, auch und gerade in den Verfolgungen und Leiden, die sie um des Glaubens willen auf sich nahmen, wie viele Stellen des Neuen Testaments zeigen.[39]

 

Kreuz – Kappelle in Littlemore

Abschließend bittet Newman seine Hörer, dieses Bild des apostolischen Christen zu betrachten: „Schließet nicht das Auge davor, wendet euch nicht empört davon ab, habt keine Angst davor, seht es euch an. Ertraget den Blick auf das Christentum der Bibel; ertraget es, auf das Bild des Christen zu schauen, wie die Inspiration es darstellt, ohne Erläuterung, ohne Kommentar und ohne menschliche Tradition“[40]. Da die Zeiten andere sind und die Nachfolge des Herrn verschiedene Formen annehmen kann, bedarf dieses Bild gewiss der Übertragung und der Anpassung. Aber es bleibt das Vorbild für die Gläubigen aller Zeiten. Darum ruft Newman auf: „Erforschet das Bild des biblischen Christen; überdenkt es im Stillen; erbittet euch die Gnade, es zu begreifen, es anzunehmen“[41]. In einer Zeit, in der die Sorge um diese Welt alles zu bestimmen scheint und die Ausrichtung auf die Ewigkeit zu verschwinden droht, können Newmans Ausführungen anstößig und heilsam sein.

 

Letztlich geht es darum, im Innersten des Herzens zu verstehen, dass der echte Christ – gemäß der ihm eigenen Talente, Gnaden und Möglichkeiten – schlicht und einfach „ein Nachfolger Christi“ ist[42]. Christsein heißt Christus persönlich kennen in der großen Familie der Kirche und mit ihm vereint leben. Benedikt XVI. hat darüber in seiner Enzyklika Deus caritas est geschrieben: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“ (Nr. 1).

 

Schluss

 

Newmans Predigten sind konkret und ermutigend. Sie stellen uns so etwas wie einen christlichen Personalausweis vor Augen. Drei Merkmale ragen dabei hervor: Echte Christen leben in der Welt und verherrlichen Gott in ihrem Beruf, in ihrer Arbeit, in all ihrem Tun. Sie sind jedoch nicht von der Welt und passen ihr Denken, ihr Wollen und ihren Glauben nicht dem Geist der Welt an. Ihr Herz ist auf Christus gerichtet, der sie – entsprechend ihrer jeweiligen Berufung – zur Loslösung vom Zeitgeist aufruft und dessen Nähe schon hier auf Erden ihre eigentliche und alles durchströmende Freude ist: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe“ (Phil 4,4f.).

[1] John Henry Newman, Predigten. Gesamtausgabe, Band VIII, Stuttgart 1956, 157-174.

[2] Ebd., 161.

[3] Ebd., 162f.

[4] Ebd., 160f.

[5] Ebd., 157.

[6] Ebd., 164.

[7] Ebd., 165.

[8] Ebd., 167.

[9] Ebd., 168.

[10] Ebd., 169.

[11] Ebd.

[12] Ebd., 173f.

[13] Ebd., 174.

[14] Newman betont mit Recht die grundlegende Dimension der Verherrlichung Gottes durch den weltlichen Beruf. Freilich müssten in einer umfassenden Darstellung auch andere Aspekte des menschlichen Tuns berücksichtigt werden, etwa ihre anthropologische Bedeutung, ihr sozialer und gesellschaftlicher Wert, usw.

[15] John Henry Newman, Predigten. Gesamtausgabe, Band I, Stuttgart 1948, 347-364.

[16] Ebd., 348.

[17] Ebd.

[18] Ebd., 349.

[19] Ebd., 349f.

[20] Ebd., 352f.

[21] Ebd., 353.

[22] Ebd., 355.

[23] Ebd., 356.

[24] Ebd., 358f,

[25] Ebd., 360f.

[26] Ebd., 362.

[27] Ebd., 362f.

[28] Ebd., 364.

[29] Viele Menschen sehen heute in der Kirche nichts anderes als eine NGO, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung oder, allgemeiner gesprochen, für wichtige humanistische und soziale Anliegen in der Welt einsetzen soll. Es ist klar, dass die Kirche auch diesen Auftrag hat, aber zuerst und vor allem ist sie „das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk“ (vgl. Lumen gentium, Nr. 4) und das „Sakrament des Heils“ für die Welt (vgl. Lumen gentium, Nr. 48).

[30] John Henry Newman, Predigten. Gesamtausgabe, Band IX, Stuttgart 1958, 303-320.

[31] Ebd., 306.

[32] Ebd., 306f.

[33] Ebd., 309.

[34] Ebd.

[35] Ebd., 310.

[36] Ebd., 314.

[37] Ebd.

[38] Ebd., 314f.

[39] Newman hat das Leben der ersten Christen wohl in einer idealisierenden Weise dargestellt. Aber seine ganz an der Heiligen Schrift orientierten Grundaussagen bleiben auch im Zeitalter der historisch-kritischen Forschung gültig.

[40] John Henry Newman, Predigten. Gesamtausgabe, Band IX, Stuttgart 1958, 317.

[41] Ebd., 318.

[42] Ebd., 305.